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Coming-Out
- der erste Akt
Dienstag habe ich mich mit Martin getroffen. Ganz normal in einer gemischten
(hetero-homo) Bar in München, in der wir schon mal waren und in der es
uns saugut gefallen hat. Mir ist es aber die paar Tage vorher echt beschissen
gegangen: ich war die meiste Zeit im Bett gelegen, habe geheult, dazwischen
traurige Uralt-Schnulzen aus den 50er Jahren vom Video. Entsprechend war ich
auch nicht gerade die blühende Pracht. Da ich aber ein Meister der Schauspielkunst
bin, habe ich mir nichts anmerken lassen. Ich war halt blass und mit solchen
Ringen unter den Augen.
Zur Info: Zu diesem Zeitpunkt lediglich drei Telefonnummern von Psychotherapeuten,
die ich über Telefon von der Viva-SHG in München bekommen habe. Sonst
keine "Aktivitäten" in Sachen Transsexualität (außer,
dass ich mich wie schon immer ziemlich burschikos kleide - aber das fällt
keinem auf). Und Martin ist zwar erst seit kurzem ein (nicht: mein) Freund von
mir, aber schon relativ eng, so dass ich es wage, ihn als meinen besten
Freund anzusehen. Auch, wenn er noch nicht so viel von mir weiß. Wir hatten
aber auch "wichtigere" Dinge zu besprechen als meinen schlechter Zustand.
Martin hat mir erst eine Woche vorher gesagt, dass er schwul ist (ich ahnte
es bereits stark: er ist einfach zu gutaussehend für eine Hete). Seitdem
ist der Junge richtiggehend aufgeblüht, hat plötzlich angefangen zu
reden etc. Es war eine Freude. Was sein eigenes Coming-Out aber absolut zum
Horror gemacht hat: sein Vater redet nicht mehr mit ihm, seine Mutter rennt
bei diesem Thema aus dem Zimmer, sämtliche (ja, alle!) Freunde haben sich
verabschiedet, und auch sonst war der Bekanntenkreis äußerst homophob...
Kein Wunder, dass er so verschlossen wie eine Auster war.
Jetzt haben wir vorgestern in der Bar lang und breit über Coming-Out und
Homosexualität und Familie und Unterstützung durch Freunde und...
und... und... geredet. Irgendwann sind wir auch zu "professionelle Hilfe"
gekommen. Er meinte zwar eher so eine Coming-Out-Gruppe, ich eher Psychotherapeuten.
Ich meinte dann nur "Jaaa, zum Psychotherapeuten muß ich jetzt auch
mal hin, es geht einfach nicht mehr anders...." Martin stutzte dann nur
"Brauchst Du denn einen?" Und ich: "Ja. Da führt kein Weg
dran vorbei. Ohne Hilfe überlebe ich das nächste Jahr nicht."
Er schluckte dann daraufhin nur und bot mir sichtlich betroffen an, dass
ich mich mit ihm über mein Problem unterhalten kann, was auch immer es
sei. Ich habe dankend abgelehnt, mir aber fest vorgenommen, am nächsten
Tag beim Therapeuten anzurufen. Habe ich auch gemacht, und gleich den ersten
Termin für Donnerstag bekommen.
Coming-Out, der zweite Akt
Es ist Donnerstag, ich war gerade beim Therapeuten. Ich bin in absoluter Hochstimmung.
Ich habe endlich den ersten Schritt getan! Ich bin regelrecht high... Es ist
15.00 Uhr, Martin arbeitet noch (wir sind beide Studenten, haben die gleiche
Arbeitsstelle, aber oft total verschiedene Arbeitszeiten). Ich beschließe,
ihn zu besuchen. (Das geht ab und an, dass man einfach mal so für
eine Viertelstunde ratscht) Ich latsche also rein, er sitzt da, ist sichtlich
überrascht, dass ich hier auftauche. Sonst ist niemand da, also: freie
Fahrt. Ich erzähle ihm gleich spontan, dass ich gerade schnurstracks
vom Therapeuten komme. Dann das übliche Blabla: wie wars? Ist er nett?
Wer zahlt das eigentlich?.... Dann zum Schluß denke ich mir: eigentlich
könntest du ihm ja reinen Wein einschenken, immerhin hat er ja auch ein
Coming-Out hinter sich, weiß also, wie das ist. Aber nicht hier, es könnte
ja jederzeit einer reinkommen. Also frage ich ihn, was er am Freitag Abend vorhat.
Nichts, also dann ab ins Cafe *** (man will ja keine Schleichwerbung machen...).
Dabei kündige ich schon an, dass ich mit Martin über mein Problem
reden will. Er ist also vorgewarnt.
Coming-Out, der dritte Akt
Freitag, Martin und ich sind im fast schon überfüllten Cafe ***,
aber mitten drin. Unglücklicherweise sitzt genau am Nebentisch eine Tussi,
die wir etwa jeden zweiten Tag an unserer Arbeitsstelle treffen... Also wieder
nix fürs Reden. Martin kapiert auch ziemlich schnell, dass das Cafe
in diesem Zustand äußerst unglücklich ist, und schlägt
vor, mit dem Auto rumzufahren. Seit ich 15 oder 16 bin habe ich das nicht mehr
gemacht... Also fahren wir rum. Ziel zumindestens mir unbekannt. Er läßt
im Auto ständig Mozart und Chopin dudeln - auch recht, das entspannt wenigstens.
Ich bin trotzdem hypernervös, weiß nicht, wie ich es ihm sagen soll.
Statt dessen sprechen wir wieder über sein Coming-Out. Er erzählt,
dass ihm damals zwei Lesben total geholfen haben, alles, vor allem sich
selber auf die Reihe zu kriegen. Dann zeigt er mir das Haus seines ersten Freundes;
dabei stehen wir in einer absoluten Wohngegend nachts um 10 Uhr flüsternd
auf der Straße... Danach fahren wir wieder in die Innenstadt, hören
im geparkten Auto weiterhin Mozart und Chopin, steigen aus, gehen spazieren,
einmal Isarbrücke und zurück, setzen uns wieder ins Auto, nochmal
Mozart, nochmal Chopin. Und ständig faselt Martin immer wieder irgendwas
von Lesben hin, Lesben her... Er glaubt tatsächlich, ich bin lesbisch...
Einfach goldig.
Irgendwann, während irgendeiner Etüde von Chopin, haben wir das Thema
"Männer". Leider weiß ich nicht mehr genau, wie ich es
gesagt habe, jedenfalls sind wir plötzlich bei dem Stand 'das sind Männer
- und ich bin auch einer'. Er hat etwa 30 Sekunden gebraucht, um das zu verarbeiten.
(Glanzzeit!) Danach kommen schon die neugierigen Fragen, die wohl jeder kennt:
wie lange weißt du das schon, bist du dir sicher, was sagt dein Freund
dazu, stehst du auf Frauen (nein!), dann bist du ja schwul.... Er hat mir echt
ein Loch in den Bauch gefragt, und ich habe nach besten Wissen geantwortet.
Da es mittlerweile dann auch schön spät (für meine Verhältnisse)
ist, so halb zwei, fährt er mich noch bis vor die Haustüre, wir verabreden
uns für 2 Tage später und - ich bin im Himmel! - gibt mir wie üblich
ein Küsschen links und rechts auf die Backe. Erste Anzeichen für mich,
dass er weiterhin mein bester Freund bleibt...
Anmerkung: Martin ist tatsächlich immer noch mein bester Freund. Ich bin
mir nur nicht sicher, ob er sich dessen bewußt ist. Wir reden oft, aber
nicht ständig über Transsexualität und Homosexualität, immer
öfter über andere Männer (Fleischbeschau + Diskussion), etc.
Ich hoffe nur, dass er mir erhalten bleibt, er trägt sich mit dem
Gedanken, den Studienort zu wechseln. Ich habe zwar schon durchblicken lassen,
dass das für mich eine Katastrophe wäre, aber schließlich
ist es ja sein Leben und seine Karriere, um die es geht. Da kann ich nicht reinpfuschen.
Mal schauen, wie sich die Sache entwickelt.
Sooo, das war's vorerst. Ich habe es zwar noch anderen Freunden erzählt,
aber die Reaktionen waren eher gemäßigt. Sie stehen zwar voll auf
meiner Seite, ich könnte jederzeit anrufen und mich ausheulen, aber das
Coming-Out an sich war eher ereignislos - im Nachhinein betrachtet - da die
Leute das erst ein paar Nächte überschlafen mußten.
Demnächst werde ich es meiner Mutter und ihrem Ehemann (nicht mein Vater)
sagen, falls Bedarf besteht, werde ich das ebenfalls in Worte fassen - falls
mir dann nicht die Worte fehlen.
Bye bye! Henrik (Georgy)
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