Coming Out - Davids Weg zu sich selbst
Vor einiger Zeit wurde ich angesprochen, ob ich Lust habe, ein wenig über mich zu erzählen. Gerne komme ich dieser Bitte nach, einer der Hauptgründe dafür ist für mich, dass ich der Ansicht bin, dass jeder Erfahrungsbericht anderen eine Hilfe auf ihrem Weg sein kann.
Ich selbst geriet in einer schwierigen Phase durch Zufall in das Forum von Transmann e.V. – und zwar auf meiner Suche nach Antworten auf meine Fragen. Diese Suche fand ausschliesslich im Internet statt und ich hatte Glück, auf Transmann e.V. zu stossen – und ich war dankbar über alles, was ich erfahren konnte und das mir weiterhalf. Diese Erfahrungen möchte ich anderen, die sie vielleicht gerade in dem Moment dringend benötigen, nicht vorenthalten.

Zunächst etwas zu meiner Person.
Mein Name ist David, ich bin 40 und habe Familie – bin mit einem Mann verheiratet und wir haben zwei Töchter im Alter von 14 und 16 Jahren. Ich lebe mit meiner Familie im Norden Deutschlands. Beruflich habe ich mich vor einigen Jahren umorientiert und arbeite in der Dienstleistungsbranche – in Schichten und auch an Wochenenden.

Es ist nicht einfach, sich selbst zu beschreiben, dennoch werde ich es versuchen. Optisch gehe ich glatt als Frau durch – werde auch überall so angesprochen, was manchmal nicht einfach ist. Wo immer möglich – da es in meinem Job nicht unüblich ist, sich rasch beim Vornamen zu nennen – lasse ich mich mit Vornamen ansprechen. Es ist vertraut und es klingt für mich allemal besser als mit Frau sowieso angesprochen zu werden. Denn ganz im tiefsten Innersten bin ich das nicht mehr und kann mich mit dieser Anrede nicht mehr wirklich identifizieren.

Rein äusserlich bin ich eher ein sehr zierlicher Typ – mal ganze 1,58 m gross und sehr schlank. Und trotz der Kinder kaum mit ausladenden weiblichen Rundungen „gesegnet“ geschweige denn einer grossen Oberweite. Etwas sehr beruhigendes für mich, konnte ich mir doch nie vorstellen bzw. nachvollziehen wieso Frauen es sich für Unsummen antun, sich in einer Schönheitsklinik zu legen und den Busen mit gefährlichen Silikonpolstern „aufpeppen“ zu lassen. Auch wenn’s manchmal Bemerkungen von anderen über „mein bisschen“ gab – ich hab immer mit „na und“ gekontert – war ich doch froh dass es wirklich nur „mein bisschen“ und nicht mehr war.
Mein Empfinden stimmt bis auf ein paar Kleinigkeiten mit meiner äusseren Erscheinung relativ überein. Zierlich und schlank – auch als männliches Wesen. Allerdings bin ich jetzt dafür einfach „zu wenig“ und die Röllchen sind an der falschen Stelle. Dass es sich ändern lässt weiss ich.

Wie ich im Forum durch diverse Beiträge mitbekam, existiert auch in den eigenen Reihen ein Schubladendenken. Der eine ist dies, der andere ist das und wieder andere Leute behaupten doch glattweg, dass man kein „echter Transmann“ sei, würde man dies und das nicht tun.
Ich selbst halte das alles für ausgemachten Unsinn. Nicht zuletzt wehren wir uns ja immer wieder gegen das Schubladendenken unserer Umwelt, die uns doch glattweg auf Grund unserer äusseren Erscheinung in schwarz und weiss – in Mann und Frau – in die jeweilige Schublade stecken.
Anfangs, als ich noch auf der Suche nach Informationen und völlig verwirrt von dem ganzen war, dachte ich doch, ich muss jetzt auch den ganzen Weg mit Hormonen, Operationen und dem kompletten Behördengetüdel gehen. Und ich war von dem ganzen Wust überfahren, fühlte mich mit dem, womit ich konfrontiert wurde, völlig überfordert. Denn ich war ja mit mir selber erst mal restlos überfordert.

Was bin ich ? Wer bin ich ?
Es gibt Tage da weiss ich das selbst nicht so genau. Innerlich Mann – äusserlich Frau. Und es hat gedauert, einen Kompromiss zu finden und beide versuchen zu vereinen.

Durch einen Transgenderchat, in dem überwiegend MzF sind und das ganze manchmal für meine Begriffe ziemlich auf die Spitze getrieben wurde (Gespräche über Mode, Shopping und auch dort ein gewisser „Gruppenzwang“ und immer die Frage „wie weit bist du“) und auch durch das Transmann e. V. Forum kam ich – am ende restlos mit mir und dem ganzen Thema überfordert – zu dem Schluss, dass ich in erster Linie ich selbst bin und sein muss, dann erst kann alles andere kommen. Auch der Zahn der Zeit machte mir zu schaffen und setzte mich unter Druck. Ich bin jetzt 40 und meine Kinder gehen noch zur Schule. Eine Trennung von meiner Familie kommt derzeit für mich nicht in Frage. Ich möchte auch nicht, dass meine Kinder diesen Belastungen von aussen ausgesetzt werden. Und ich weiss – ich werde nicht jünger. Hat es also Sinn, überhaupt noch etwas „anzufangen“ ? Wäre ich dann nicht – wenn alles über die Bühne gegangen ist, schon ein alter Mann ? Würde mein Körper den Belastungen dann noch standhalten können?

Den Begriff Transidentität benutze ich kaum noch. Ich fühle mich nicht so. Und ich würde wohl jedes Mal, wenn ich mein Empfinden erklären sollte, nach Worten suchen müssen. Genauso wie ich mich nicht „krank“ fühle, oder gestört. TI wird als Krankheit eingestuft um – sinnigerweise – den Anspruch zu haben dass die Krankenkassen Operationen die (für nicht wenige hier) „lebenswichtig“ sind, durchzuführen. Nein, ich übertreibe nicht, wenn ich schreibe lebenswichtig. Für manche vielleicht sogar überlebenswichtig.
Gestört deshalb, weil es auch manchmal heisst, dass Menschen wie ich es bin eine gestörte Identität haben, was das biologisch gegebene Geschlecht betrifft.
Und ich gehöre auch keiner Szene an, bin weder Dragking noch sonst irgendwas.
Ich habe gelernt, mich als Mensch zu empfinden. Es war kein leichter Weg bis dahin, so manchen Tag hätte ich gerne alles hingeworfen, hatte Zweifel, Depressionen und manchmal den Wunsch, dieses Dasein zu beenden. Es gab kein Zurück mehr, ich konnte nicht mehr leben wie bisher und der Weg nach vorne lag bzw. liegt im Dunkeln.
Irgendwann sagte ich mir, geh es in Ruhe an und folge deinem Gefühl. Etwas, das ich jedem, der diese Zeilen liest, ans Herz legen möchte. Heute bin ruhiger und gelassener.

Vor einigen Tagen fing ich an, herumzuexperimentieren um meinen Busen der sich jetzt gerade im Sommer bemerkbar macht unter dünneren Sachen, „wegzuretuschieren“. Es war für mich etwas völlig selbstverständliches, das zu tun. Ein Schritt nach vorne, wenn auch ein kleiner.
Aufgrund meiner Konfektionsgrösse habe ich es unglaublich schwer, etwas passendes in der Herrenkonfektion zu finden, das mir obendrein noch gefällt. Mein Stil ist eher unauffällig, ich liebe es Hemden zu tragen (bzw. als Ausweichmöglichkeit seit vielen Jahren schon Hemdblusen), Jeans bzw. Bundfaltenhosen, die ein kleines bisschen „strecken“. Vom Charakter her würde ich mich eher als ruhig und unauffällig beschreiben. Ich stehe nur ungern irgendwo im Vordergrund. Ich lese gern, schreibe gern, eine Geschichte ist in Arbeit und es gibt auch schon einige Gedichte, die ich schrieb. Als humorlos würde ich mich nicht bezeichnen, dann und wann neige ich zu sarkastischen Bemerkungen und liebe Zwei- und Mehrdeutigkeiten. Eins meiner Lebensmottos lautet, dass jeder Tag, an dem ich nicht gelacht habe, für mich ein verlorener Tag ist. Mal mag ich Geselligkeit und suche sie dann auch, dennoch gibt’s auch Tage, an denen ich gern allein bin. Das Leben ist anstrengend und manchmal hart genug, warum alles „erwachsen“ zu sehen – vernünftig und ernst? Noch besitze ich die Fähigkeit, auch mal über mich selbst und meine Situation zu witzeln, noch lebt der „Junge“ der in mir steckt und das soll auch so bleiben.
Durch die Erfahrung mit Depressionen ist mir das erst richtig bewusst geworden und ich geniesse die Tage, an denen ich albern sein kann, an denen ich lachen kann und am Leben teilnehmen. Dinge, die für viele selbstverständlich sind. Die auch mal für mich selbstverständlich waren und über die ich nie gross nachgedacht habe.

Das Leben steckt voller Überraschungen. Sogar meins. Es gab Zeiten, da war ich der Ansicht, es läuft alles wie es laufen muss, Schule, Berufsausbildung, irgendwann Heirat und Familie. Das Übliche eben. Erstens kommt es anders als man zweitens denkt und einen vorgezeichneten Lebensweg kann ich mir heute nicht mehr vorstellen. Es hat den Touch von Langeweile. Ja – ich bin anders. Verglichen mit meiner Familie (Eltern, Verwandtschaft) und denen meiner am Ort verbliebenen Klassenkameraden und einigen Freunden.

Ein bisschen Aussenseiter war ich immer schon. Anders eben. Warum, das ist mir nie bewusst gewesen.
Ich wuchs als Einzelkind wohlbehütet auf dem Land auf. Und ich war ein Mädchen. Ein Mädchen, das freundlich war zu allen, es allen versuchte recht zu machen, schüchtern. Und das im tiefsten Inneren Vorstellungen hatte, die es für sich behielt und die eigentlich völlig absurd waren. Dieses Mädchen trug Kleider, machte sich gerne hübsch, spielte mit Freundinnen und auch mit Puppen, so wie es eben sein muss. Es hatte nach langem Betteln endlich Zöpfe und orientierte sich an anderen Mädchen, was schick war. Die ersten Lackschuhe – hart erbettelt – waren Glück pur. Dieses Mädchen hatte jedoch noch eine andere Seite, die ihr jedoch nie bewusst war. Es übernahm beim Spielen gerne auch die männliche Rolle, die sonst eh keine übernehmen wollte. Und es hatte im Nachbardorf einen Cousin, mit dem gerne herumwilderte. Tabakfelder wurden zum undurchdringlichen Dschungel, Katzen zu wilden Raubtieren die es zu fangen galt und Scheunen voller Stroh waren ein willkommener Abenteuerspielplatz. An so einem Tag waren hübsche Sachen völlig egal und dieses Mädchen kam auch mal dreckig nach Hause. Später tauschte man Fische fürs Aquarium aus, dann kam das erste Moped, heissgeliebt und ständig geputzt.

Dieses Mädchen wurde als Mädchen erzogen und auf seine spätere Rolle als Frau vorbereitet – und war damit gar nicht glücklich. Der Vater war damals Raucher – das musste auch probiert werden. Genauso wie Opas Zigarren. Manchmal betrachete es sich vorm Spiegel und versuchte sich vorstellen, wie es wohl aussehen, wenn da wohl noch was in der Hose wäre. Und schämte sich dann dafür und tat das ganze ab. Es las gerne und tauschte mit dem Cousin aus dem Nachbardorf Bücher aus, es sah sich gerne im Kino Mantel- und Degenfilme an. Die scheinbare „Verliebtheit“ in die Film- und Buchhelden hatte jedoch einen ganz anderen Background – den dieses Mädchen herausfand als es keins mehr war – viele Jahre später. Das wurde gerne auch nachgespielt und alte Gardinen mussten dann als Umhang herhalten.
Die Jahre vergingen und aus dem Mädchen wurde langsam eine Frau. Sie hatte ihren ersten Freund, sie lernte den nächsten kennen und irgendwann ihren zukünftigen Mann.
Es lebte, es war ok wie es war. Nach drei Jahren Ehe kam das erste Kind zur Welt, nach eineinhalb Jahren später das zweite. Die junge Mutter tat das, was wohl jede Mutter tut, die ihr Kind will und liebt. Sie kümmerte sich um die Kinder, um den Haushalt, der Mann ging seinem Job nach. In den Jahren als die Kinder noch sehr klein waren schienen die Träumereien die da noch waren vergessen. Dieses Mädchen das ich erwähnte – das war ich. Irgendwann kamen sie wieder. Diesmal stärker. Warum auch immer. Die Zeit nach der Geburt der Kleinen war sowieso verwirrend und ein Umbruch in jeder Hinsicht. Nach dem Erziehungsjahr verlor ich zum ersten mal meinen Job. Etwas das ich nicht verstehen konnte. Einige Jahre später machte ich dann eine Umschulung. Mein Mann war häufig unterwegs auf Lehrgängen, ich die Woche über alleine mit zwei kleinen Kindern (damals schon im Kindergartenalter) und einer Umschulung in Vollzeit. Es war nicht immer so ganz einfach, aber zu schaffen. Und ich kann nicht behaupten, dass ich gerade zu der Zeit unglücklich war.

Während der Umschulung tat sich etwas, das ich früher nie in dem Maße getan hatte. Ich fing an zu probieren. Heute im engen Rock der gerade noch die Knie bedeckte, morgen in Jeans und einem „geklauten“ Hemd aus dem Schrank meines Mannes. Vorzugsweise ein ganz bestimmtes weisses Jeanshemd, das mir einigermassen passte. Ich trug zu der Zeit das Haar lang, wechselte ständig die Farbe und war oft – nachdem der erste Blondierselbstversuch schiefging – beim Friseur.
Kurz nach der Umschulung bekam ich meinen ersten befristeten Job. Meinen Beruf konnte ich nur indirekt ausüben, es war eine Seniorenbetreuung in der Kirchgemeinde. So ganz wohlgefühlt habe ich mich unter den Kollegen dort nicht, es ging alles verdammt bieder zu, nicht mein Ding. Mit den älteren Leuten jedoch kam ich super zurecht. Ein Vierteljahr später hatte ich noch mal das Glück, eine für ein Jahr befristete Stelle zu bekommen, die mir mehr Spass machte, zumal sie vielseitiger war und ich die Möglichkeit hatte, einige Facetten meiner Persönlichkeit auszuleben.

Zu der Zeit hatte ich mein erstes Auto – ein 10 Jahre alter Renault. Ich war frei – ich war mobil und ich liebte dieses Auto abgöttisch. Dementsprechend wurde es auch behandelt – gepflegt und geflimmert wann immer das meiner Ansicht nach nötig war – und das war fast jedes Wochenende. Dieses Auto brauchte ich auch um für meine Arbeit beweglich zu sein und da ich dort einer der wenigen war, die mobil waren, kam ich oft als Fahrer in Betracht. Transporte und alles mögliche. Und ich war glücklich darüber. Irgendwann war es, dass ich während dieses Jahres mit einigen Kolleginnen eine Ferienlagerbetreuung in meinem damaligen Wohnort machte. Wir waren zu viert, die Gäste kamen mit einem klapprigen Bus aus Litauen angereist. Eine Frau, die ich seit Umschulungstagen kannte, war Hauptmitorganisator, die anderen beiden sowieso eher richtige Frauentypen und kümmerten sich mehr um die Kinder und deren Wohl. Ich sah zu dass ich mehr die organisatorischen Dinge erledigen konnte und da ich leidenschaftlich gerne Auto fahr war ich dort Mädchen (???) – Mann ( ??? ) für alles mögliche.
Ich war derjenige der Grills in Gang bekam und grillte, der Lagerfeuer anzünden konnte und derjenige der fuhr, wann immer es erforderlich war. Und weil man(n) nach so einem Tag auch mal Durst hat und noch ein wenig das abendliche Beisammensein geniessen wollte, stand im Kofferraum immer eine Kiste Bier. Ich gestehe, es war alkoholfreies, denn mein Führerschein ist mir heilig. Es gibt Situationen, da bin ich etwas zickig und es gibt Frauen, die mich als „männliche Zicke“ bezeichnet haben. Darauf komme ich später noch mal zurück, denn im Alltagsleben wurde ich nie als Mann bezeichnet geschweige denn gesehen. Man merkte nur immer wieder, dass ich anders war, als man das von einer Ehefrau und Mutter erwartet.

Einige Zeit später geriet ich durch eine Suchanzeige in einen Verein meines damaligen Heimatortes, der Leute für eine Laientheatergruppe suchte.
Es gab nur zwei Aufführungen. Bei beiden hatte ich mir eine männliche Rolle „erkämpft“. Und ich spielte sie. Mein Mann hat sich damals ein bisschen darüber gewundert, es aber als „Flitzidee“ verbucht. Bei diversen Festen stand ich wieder an den Grills oder zapfte Bier.
Irgendwann dann kam der Umzug. Und dann ein Internetanschluss. Durch eine Kollegin geriet ich in einen Chat, lernte dort recht bald – unerfahren wie ich war – einen Mann kennen. Zu dieser Zeit kam wohl das letzte Aufbäumen. Er kitzelte noch mal alles an Weiblichkeit das noch vorhanden war heraus. Die Geschichte ging vorbei und ich wandelte mich zur grauen Maus. Zeitgleich fing auch eine andere Ära an – ich loggte mich irgendwann – aus einem Impuls heraus – als Mann dort ein. Der Anfang eines jahrelangen Doppellebens. Ein Teil der längst in mir war und den ich nie bewusst zugelassen hatte brach sich seine Bahn. Anfangs wars noch ok und ich hatte Spass daran. Schnell war ich erfolgreich – ein bei den Frauen beliebter und umschwärmter Chatter. Dann lernte ich eine Frau kennen und meine Onlinezeiten wurden immer länger. Dort durfte ich das sein was ich im Innersten war. Und niemand sah mir etwas an. Die einen mögens als Chatsucht bezeichnen – heute ist mir klar dass es etwas anderes war. Zuhause gab es durch meine zum Teil ausufernden Onlinezeiten Spannungen. Ich selbst war innerlich zerrissen. Für mich war es eine Flucht in eine Welt in der ich ich sein durfte. Da ich durch den Mann, den ich dort kennenlernte, einen guten Lehrer hatte und schnell begriff, worauf es ankam, hatte ich dort keinerlei Mangel an Frauen, die mit mir chatten wollten. Es fiel mir beim Logout immer schwerer, umzuschalten. Und es dauerte nicht lange, bis ich unfähig war, die mir im wirklichen Leben zugedachte Rolle auszufüllen. Eines Tages liess ich mir kurzerhand die Haare kurz schneiden. Die äusserlichen Veränderungen – auch Wesensveränderungen – wurden für meine Familie auffälliger.

Ich selbst war häufig gereizt – wusste nicht was mit mir los war und litt unter permanentem Stress. Seelischem Stress.
Nach gut drei Jahren brach alles zusammen – die Chatbeziehung die ich hatte endete in einem Fiasko. Diese Frau beschimpfte mich aufs Übelste und ich fing an an mir selbst und an meinem Verstand zu zweifeln. Und suchte mir eine Kurve aus, die geeignet schien, mein Leben dort zu beenden. Was mich zurückhielt waren meine Kinder. Was konnten sie dafür ? Warum sollte ich ihnen einen Elternteil nehmen ? Ich liess es sein und kämpfte mich durch eine schwere Zeit. Statt exzessiv zu chatten machte ich mich im Net auf die Suche nach Informationen.

Zufällig teilte mir eine Freundin mit – wir unterhielten uns mal beiläufig über das Thema Chat – dass sie bei Yahoo chattet. Ich meldete mich dort an und gelangte – pure Neugier – was weiss ich – in den Transgender Räumen. Dort lernte ich einen Mann aus meinem jetzigen Wohnort kennen und traf mich mit ihm. Es war ein Nachmittag der vieles verändert hat. Zeitgleich suchte ich nach Informationen über Transsexualität. Und war erstaunt über das, was ich da las. Hoffentlich lyncht mich jetzt niemand für den folgenden Satz: Transsexuelle waren für mich bisher überschminkte Männer in Damenbekleidung. Was wirklich dahintersteckte, davon hatte ich keine Ahnung. Schon gar nicht, dass mich dieses Thema selbst einmal berühren würde.

Den alten Chat betrat ich vorerst nicht mehr, kam jedoch auf der Suche nach Informationen an einen TG Chat. Dort wars klein und fein und ich wurde lieb aufgefangen. Ich war nicht mehr alleine mit meinem Problem, wenn dort auch ein seltenes Exemplar, denn es waren da zu 90 % MzF anwesend. Dennoch – es tat gut.

Eines Vormittags war ich wieder am Surfen als plötzlich mein Mann hinter mir stand und fragte, was ich denn auf solchen Seiten mache. Hmm. Lesen ? Herausreden hätte keinen Sinn mehr gehabt – er hätte mir nicht mehr geglaubt. Also ging ich in die Offensive und erklärte ihm, wonach ich suche und was mit mir los ist. Er stand nur da und sagte „Ich habe so was schon lange geahnt und jetzt wird mir einiges an deinem Verhalten klar.“ Und atmete wohl auf, dass es – entgegen seiner Vermutung die er oft äusserte – diesmal keinen Liebhaber im Net gab. Es war raus, ich fühlte mich freier. Aber es war nicht das Ende meiner Probleme, die dann kamen. Ohne Probleme ging es nicht ab bei uns, er vermisste die Frau, die er einst geheiratet hatte. Es gab Tage, an denen er mich ablehnte, mit der Bemerkung, er würde keine Zärtlichkeiten mit einem Mann austauschen und schon gar nicht mit einem Mann schlafen wollen. Ich möchte jetzt nicht alles im einzelnen schreiben das würde wirklich den Rahmen sprengen. Wir hatten lange Diskussionen – er ist hetero und daran lässt sich nichts ändern. Für mich war es immer selbstverständlich mit einem Mann mehr als das Leben zu teilen – auch das Bett. Sah ich mal auf der Strasse einen der mir gefiel, dachte ich nicht nur bei dem würd ich nicht nein sagen – da war unterschwellig auch immer der Wunsch da – so würdest auch gerne sein wollen.

Es ist viele Jahre her als ich mal ein Werbevideo mit Pornos zu sehen bekam. An sich nicht meine Welt ich mag keine Filme dieser Art und spulte mich lustlos durch das hirnlose Gerammel. Bis ich an eine Szene geriet in der sich Männer miteinander vergnügten. Jeden hetero veranlagten Menschen hätte das wohl angewidert – ich fand das recht anregend. Und dachte auch damals na ja bist wohl ein bisschen neben der Spur und tat das ab wie so vieles.

Es gab – ich hab dann nach diesem ersten Outen angefangen in meinem bisherigen Leben herumzurecherchieren – so viele Hinweise darauf, die ich immer wieder abtat – für mich behielt und als ganz persönliche Wünsche und Phantasien abtat – auch Phantasien sexueller Natur. Als ich es ausgesprochen hatte gab es dann kein Zurück mehr. Ich musste mich endgültig von einem Teil von mir verabschieden. Der Teil Mann der wohl schon so lange in einem Winkel in mir hockte bestand auf sein Recht und wollte raus. Mir blieb nichts anderes mehr übrig, als ihn zuzulassen.
Was dann kam waren Depressionen, waren Selbstzweifel, nicht wissen wie es weiter gehen würde. Und die Angst, etwas tun zu müssen, wo ich innerlich noch gar nicht in der Lage war. Mein Leben geriet restlos aus den Fugen, ich verlor meinen Job (wodurch auch immer da spielten einige Faktoren eine Rolle) und ich war unfähig, alltägliches auf die Reihe zu kriegen. Und wieder kam Hilfe aus dem oben erwähnten TG Chat. Ich bekam die Adresse eines Psychologen und machte dort einen Termin. Klar hatte ich Angst. Aber der Druck dem ich ausgesetzt war war stärker als die Angst vor dem Termin, und je näher ich seiner Tür kam, desto ruhiger wurde ich. Er war ok – es gab kaum Eis das es zu brechen gab und ich redete wie ein Wasserfall. Danach gings mir besser. Er gab mir einiges mit auf den Weg – ich bekam bald darauf einen neuen Job und wurde etwas ruhiger.

Auch das Forum hat mir über vieles hinweg geholfen und mich nach und nach erkennen lassen, worauf es ankommt. Jetzt lebe ich schon einige Monate ohne Depressionen, es mag auch mit an der Jahreszeit liegen und am höheren Lichtanteil, denn ich reagiere auf diese Dinge sehr sensibel. An Sonnentagen bin ich weniger anfällig als an wochenlangem Grau in Grau.

Und da ist noch jemand, den ich nicht vergessen möchte. In dem Chat wo ich so lange Zeit als Mann war gab eine Frau die ich kennenlernte als die Beziehung zu dieser Chatterin bereits am zerbrechen war. Es gibt sie heute noch, sie hielt zu mir als ich ihr die Wahrheit sagte, und sie ist heute noch da. Wir kennen uns jetzt persönlich freuen uns auf jedes Wiedersehen und telefonieren dann und wann auch. Für sie bin ich heute noch derjenige den sie dort einst kennenlernte, auch wenn meine Biografie jetzt eine andere ist. Ich bin glücklich darüber, dass ich sie kennenlernen durfte. Allein das Wissen, dass es sie gibt und dass sie trotz allem zu mir gehalten hat, hat mich vieles leichter ertragen lassen.

Es gibt noch einige Menschen die davon wissen. Eine langjährige Freundin die ich damals in der Ausbildungszeit kennenlernte fragte zuerst ob ich zuviel Zeit hätte um auf solche Ideen zu kommen – reagierte dann jedoch mit dem Satz - sinngemäss – egal was passiert – unsere Freundschaft wird dadurch keinen Schaden erleiden. Sie machte sich lediglich Sorgen um mich und was nun aus der Familie werden würde.

Ein befreundetes Ehepaar reagierte wieder anders: Er liess endlich seine Finger von mir – etwas das ihm vor dem Outen wohl nicht möglich war trotz zahlreicher Verwarnungen. Sie sagte ich würde nur damit provozieren und auf mich aufmerksam machen wollen.
Meine Mutter empfahl mir, eine SHG aufzusuchen und einen guten Arzt, da muss sich doch was machen lassen, auf deutsch, ich soll mich „umpolen“ lassen und wieder ganz Frau werden. Infomaterial das ich ihr auf Diskette gab hat sie bisher nicht gelesen mit der Begründung, sie wisse nicht, wie sie mit der Diskette umgehen soll, um das lesen zu können. Ich werde mich mit ihr so lange nicht mehr über das Thema unterhalten, bis sie sich über das Thema informiert hat. Sie soll ihre Chance haben und auch mit mir reden – aber nur mit dem nötigen Hintergrundwissen und nicht mit verqueren Vorstellungen im Kopf. Es liegt an ihr, sie zu nutzen oder auch nicht. Es mag ihr wehtun, es mag ihr vor ihrer Dorfgemeinschaft peinlich sein. Doch es ist mein Leben und ich muss damit rechnen, sie vielleicht zu verlieren, habe ich vor, den Weg weiter zu gehen. Dann wird sich – so traurig der Gedanke vielleicht ist – entscheiden was zählt. Das einzige Kind oder die Fassade. Mein Vater mag zwar nicht blind sein und vielleicht was ahnen – was auch immer weiss ich nicht. Meine Mutter untersagte mir jedoch ihm etwas davon zu erzählen, aus Angst, er könnte dadurch einen erneuten Infarkt erleiden. Das hat mir schon einen Stich versetzt, wie peinlich ich doch bin. Wobei ich denn Sinn erkenne, denn er würde es noch weniger verstehen als sie und anfangen loszuwettern. Oder ? Hmm... Verständnis erwarte ich keins – nicht wirklich – und wäre recht überrascht bekäme ich es. Also fange ich erst gar nicht in seiner Gegenwart davon an – sondern bin einfach wieder nur ich. Auch wenn es dann und wann lange Gesichter gibt und ich mir wie so oft anhören muss wie toll doch die oder die aus dem Dorf und meiner ehem Klasse sind. Ich bin anders – na und ?

Die letzten Monate haben mich ruhiger und wohl auch etwas reifer werden lassen. Noch mach ich gar nichts ausser leben und herantasten - in mich reinlauschen und aus dem innersten heraus das zu tun das mit gut tut. Den ganzen Stress „Trans“ und wie weit wer ist tu ich mir nicht an. Es ist mir egal was ich bin, in welche Schublade man mich stecken will. Nach all dem will ich einfach nur glücklich sein und mich in meiner Haut wohlfühlen, sooft mir das möglich ist. Ich habe gelernt einen bewussten Kompromiss zu finden zwischen dem was ist und dem was ich innerlich empfinde. Ob das das Ende des Weges ist, weiss ich heute noch nicht. Hormone nehme ich bislang keine, ich war bei keinem Arzt oder Gutachter, mal abgesehen von diesem einen Psychologentermin.

Wirkliche Ziele in dem Sinne habe ich noch keine. Ich werde leben, in mich hineinlauschen und das tun zu dem Zeitpunkt, wenn ich weiss, dass er da ist. Denn ich möchte nichts überstürzen, übereilen, was ich dann vielleicht einmal bitter bereuen könnte. Für mich heisst es, einmal offiziell diesen Weg beschritten, dass es kein wirkliches Zurück mehr geben wird. Auch wenn einige da anderer Meinung sein werden. Jedem die seine. Mein Ziel heisst innerlicher Frieden, mit mir klarzukommen und das nach aussen hin auch auszustrahlen. Und dass man damit glücklich ist, wenn man mit sich selbst im reinen ist, ist wohl jedem Leser klar. Zu viele Jahre habe ich immer etwas vermisst, wovon ich nicht mal wusste, was es war. Unterschwellig war immer eine latente Unzufriedenheit vorhanden, egal wie gut es mir ging. Es ging so weit, dass ich körperliche Beschwerden hatte für die kein wirklicher Grund zu finden war und die mir 14 Tage Klinikaufenthalt bescherten, dass ich unfähig war mein tägliches Leben zu regeln und einer Arbeit nachzugehen. Das ist heute vorbei, ich kann wieder lachen, trotz mancher Probleme. Denn ich habe gelernt diesen Teil meiner Persönlichkeit zuzulassen, ihn so weit es mir immer möglich ist auszuleben und zu geniessen.

Aus diesem Text geht schon einiges hervor, das ich anderen, denen es heute wie mir vor einigen Monaten ging, rüberbringen wollte und das ich jetzt noch mal zusammenfassen möchte.
Lass dich nicht verrückt machen, versuch innerlich zur Ruhe zu kommen und hör erst mal in dich hinein was du wirklich willst und brauchst. Lass dich nicht von anderen mitziehen die glauben, die ganze Palette an Behandlungen in Anspruch zu nehmen, nur um ja Mann zu sein und dazuzugehören. Es gibt auch Grautöne, die akzeptiert werden. Und man kann lernen, sie zu leben. Versuch zu leben und lass dieses Leben nicht vom Thema TS beherrschen sondern nimm Abstand davon, so gut das möglich ist. Alles andere kommt eh von alleine. Meinen ersten „Spezial-BH“ der eher kaschiert statt betont habe ich jetzt erstmalig fast ein Jahr nach meinem Coming Out getragen, einfach weil ich der Ansicht war, dass es jetzt sein muss. Es war keinen Tag zu früh und keinen Tag zu spät – der Zeitpunkt dafür ist gekommen.

Es ist gut möglich, dass ich das eine oder andere was ich gerne noch geschrieben hätte jetzt gelassen hab weil es mir einfach nicht einfiel. Sicher wird es die Möglichkeit geben, mit mir in Kontakt zu treten, falls es noch Fragen gibt. Und wenn nicht – lest einfach mal im Forum Transmann e.V., dort finden sich viele Antworten auf viele Fragen und noch mehr unterschiedliche Ansichten von völlig verschiedenen Charakteren und Altersgruppen.

Viel Glück und Durchhaltevermögen
David
 
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