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Wie bringe ich es meinen Eltern bei? |
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Von Henrik
(2000) Wie bringe ich es meinen Eltern bei? Tja, also das ist ja ein höchst kompliziertes Thema - schließlich haben wir total unterschiedliche Eltern. Die einen wurden in ihrer Kindheit (und zum Teil auch jetzt noch) ziemlich behütet oder bekamen zumindest alles was sie sich wünschten. Papa geht seit 40 Jahren in den gleichen Betrieb zum Geld ranschaffen, Mama ist Hausfrau und das Häuschen sieht aus wie in der Werbung. Andere wiederum haben genau das Gegenteil erlebt: die Eltern stritten sich häufig, das Baby, das die Beziehung retten sollte, hat alles nur noch schlimmer gemacht, Papa ist ein absoluter Looser, Mama rennt sich die Hacken ab. Später dann die erlösende Scheidung, denn Papa hat sich zum Tyrann entwickelt. Entsprechend die Erziehung: Kindchen ist schon äußerst früh selbständig, hat einen eigenen Schlüssel, soll sich alles selbst erkämpfen, denn so ist das Leben. Ihr könnt Euch raussuchen, zu welcher Grauschattierung dazwischen ihr gehört. Bei mir war es wohl eher der letztere Fall, mit dem kleinen Graustich, dass ich trotzdem stets das Gefühl hatte, meine Mutter tut alles nur zu meinem Besten, da ich ihre Nr. 1 bin. Größtenteils besteht dieses Gefühl auch heute noch, auch wenn es nach außen nicht so aussieht. So richtig sehen tun wir uns nur noch etwa 5-6 mal im Jahr, ansonsten ist jeder mit sich selbst beschäftigt. Dem zufolge habe ich mein Trans*-Problem auch wunderbar vor ihr verbergen können - über Sex spricht man nicht in unserem Verwandtschaftskreis (juhu! Wir sind katholisch!). Seit ich aber in meinem Coming-Out gegenüber meinen Freunden bin, habe ich immer das Bedürfnis, es auch meiner Mutter zu sagen. Gesagt habe ich es meiner Mutter vor 1 Woche ... Vor 1 Monat hatten wir uns ein wenig gekracht, da ich zu einer wichtigen (?) Familienfeier trotz Anmeldung + Tischreservierung + Tischkarten nicht erschienen war. Die Schnute, die sie gezogen hat, habe ich sogar durchs Telefon gesehen. An jenem Wochenende war ich mal wieder mit meiner Depression beschäftigt, habe den lieben langen Tag geheult, sah entsprechend aus - und in diesem Zustand zu einer (katholischen) Familienfeier zu gehen und auf Friede-Freude-Eierkuchen zu machen war echt nicht möglich. Vor 3 Wochen dann kam wieder der erste Anruf, meine Ma wollte unter anderem wissen, warum ich nicht zu der Feier gekommen bin. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon beschlossen, es ihr demnächst zu sagen. Also habe ich ihr halt erzählt, dass es mir in letzter Zeit nicht gutgeht. Reaktion: Du willst doch nicht etwa zum Studieren aufhören?". Ich meinte dann nur noch, dass das Leben ja wohl aus mehr als aus Studieren besteht. Vor 2 Wochen hat sie dann wieder angerufen, hat das Gespräch sozusagen wieder aufgenommen, wollte wissen, was los sei. Ich wollte aber das Ganze nicht am Telefon erledigen. Dann erst hat sie kapiert, dass es was Ernsteres ist. Was für sie aber Ernst ist: Willst Du aus der Kirche austreten?" (hätte ich gemacht, ohne sie überhaupt zu informieren; so bin ich immer noch Papier-Katholik - warum eigentlich?) Wir haben aber ausgemacht, dass ich am kommenden Wochenende nach Hause komme, und dann wird geredet. 1 Woche Galgenfrist. Letzten Samstag bin ich also nach der Arbeit (Studentenjob - was sonst!) nach Hause gefahren. Ich wurde von meiner Mutter am Bahnhof abgeholt, es wurde so getan, als wäre nichts los. Smalltalk in der Küche, Kaffee und Kuchen, abends sind meine Mutter und ihr Ehemann Willi (mit dem ich gut auskomme) noch zur Messe. Nachmittags wollte meine Mutter schon wissen, was denn nun los sei. Ich habe sie auf den Abend vertröstet - nach der Messe, denn da wäre sie nicht mehr fähig, hinzugehen. Hat sie etwas geschreckt, denke ich. Eigentlich wollte ich es ja beiden gleichzeitig sagen, schließlich sind die verheiratet, und besprochen wird es eh. Leider war aber irgendein super-wichtiges Fußballspiel, das Willi sogar an der Teilnahme beim Abendessen verhinderte - und das heißt was. Also habe ich den Brocken meiner Mutter allein vorgeworfen: Ich erzählte ihr, dass ich seit gut ½ Jahr kaum mehr eine Nacht durchschlafen kann, dann 2-3 Stunden wach liege und vor mich hin grüble. Dazu ein kleiner Reizmagen. Und dann noch so vor etwa 4 Jahren diverse wirklich ernst gemeinte Selbstmordgedanken. Habe ich damals aber wieder sein lassen, da ich danach mein Leben umgekrempelt habe, somit mit etwas anderem beschäftigt war. Beim Stichwort Selbstmord ist sie hellwach geworden - schließlich hat sich mein kleiner Bruder vor gut 2 Jahren (erfolgreich) vor den Zug gestellt. Und dann habe ich es halt gesagt: Das ist alles nur, weil ich eigentlich ein Mann bin." Und somit wars raus. Meine Mutter hat ziemlich rational reagiert, hat sich als erstes an den berühmten Spruch meiner Oma väterlicherseits erinnnert, als sie mit mir gerade schwanger war: Das kann ja nur ein Junge werden, so herrschsüchtig wie du bist!" Oma hatte also im Endeffekt recht. Und dann das übliche: Du hast ja nie gerne Röcke und Kleider angezogen, schon als kleines Kind nicht. Viel lieber deine Lederhose. Und puppensüchtig warst du auch nie, und später hast du schon Probleme gehabt, hast nie einen Freund gehabt, die anderen schon, aber dass es ausgerechnet das ist.... Zu diesem Zeitpunkt dachte ich mir: na, das ist ja besser gelaufen, als ich dachte! Ist der Tellerrand also doch nicht so hoch... Als wir dann aber auf die sog. sexuelle Orientierung zu sprechen kamen - ich stehe immer noch auf Männer - ist das Gutbürgerliche durchgekommen. Spruch des Tages: Ja, können schwule Männer überhaupt mit normalen Leuten reden?" Ich dachte, ich lauf gegen eine Wand. Es ist aber noch heftiger gekommen: Es freut sie zwar, dass ich auch weiterhin noch nach Hause kommen will (schließlich ist es mein Elternhaus!), aber auf die ausgedehnten Spaziergänge soll ich doch bitte nicht bestehen - die Leute könnten sonst reden. Nach etwa 2 Stunden (oder wie lange dauert eine Fußballübertragung?) sind meine Mutter und Willi ins Bett verschwunden. Sie hat es ihm auf der Bettkante erzählt. Am nächsten Morgen hatte meine Mutter ziemlich verheulte Augen. Mir gegenüber wollte sie offensichtlich das nicht rauslassen. Willi hat erwartungsgemäß gar nichts gesagt (er ist so ein Typ), aber meine Mutter machte sich 1. Ziemliche Sorgen, ob ich diese schwere OP überleben werde und 2. Ob ich jemals ein normales Leben führen kann, noch dazu wo ich doch schwul bin ... bla bla bla. Ich habe den beiden meiner Meinung nach verständliches Infomaterial dagelassen. Schließlich hat man in einem so kleinen Kaff nicht gerade die nächste SHG in der Nähe. Und weil offensichtlich auch auf dem schwulen Sektor Nachholbedarf besteht, habe ich ihr auch noch einige schwule Zeitschriften, die ich dabei hatte, dazu gelegt. Ich denke, sie muß sich jetzt erst einmal in die neue Situation einfinden, sich mit dem Gedanken vertraut machen, dass ich Henrik bin, und dann kommt auch wieder das gewohnte dicke Fell (das sie sonst schon hat), dann werden auch wieder die Spaziergänge möglich sein. Kommt Zeit, kommt Fell... Über die weitere Entwicklung bin ich jedenfalls gespannt! Henrik |
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