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von Alex - Also, da hier sonst
noch nix steht, beglücke ich euch halt mit etwas was ich einmal geschrieben
habe für eine T*-Zeitung, was aber dann doch nicht abgedruckt wurde.
Na gut, dann steht es eben hier ;-)
Es gab da mal ein Mädel....
Es gab da mal ein Mädel. Schade, dass ich sie kaum gekannt habe,
wie ich heute sagen muß. Eigentlich war sie ganz nett; und hatte
durchaus Entwicklungspotential. Aber sie ist früh gestorben, mit
26. Daß heißt, eigentlich war sie jünger, denn auf die
Welt gekommen ist sie erst so zwischen 15 und 18, und es war eine verdammt
lange Geburt, die ungefähr mit 11 anfing.
Bine sah gut aus, und war intelligent, und, wenn sie entsprechend gelaunt
war, durchaus fähig, gute Gesellschaft zu sein. Durchaus nicht die
schlechtesten Voraussetzungen im Leben.
Davor hatte es nur Sabine gegeben, das Kind von Hanne und Theo, nettes
Kind, gut erzogen, von den Nachbarn und Bekannten als höflich
geschätzt, in der Schule öfters tituliert als intelligent,
aber ein bißchen faul, und in der Familie war man sich eigentlich
einig, dass das Kind zwar ein bißchen merkwürdig ist,
aber das wird sich schon noch geben. Komisch halt nur, dass es
sich immer in den Büchern verkroch, statt, wie der Rest, jeden zu
kennen und eine Menge Freunde zu haben. (Korrigieren wir den Satz mal
ein bißchen: Die Freunde, die es gerne gehabt hätte, waren
nicht die Freunde, die Mama gerne gesehen hätte. Das waren nämlich
die Leute, die das Kind mit der Kohlenzange nicht anfassen mochte - die
taten so merkwürdige Dinge wie mit Puppen spielen, oder Hanni und
Nanni lesen.....). Also bekam das Kind Bücher und Bücher und
Bücher, und ritt mit Winnetou ins Abendrot, und bestand alle Abenteuer
der 5 Freunde mit angehaltenem Atem. Und schnappte sich Mutters Konversationslexikon,
wenn nix anderes da war.
Aber irgendwie machte sich das Leben außerhalb der Bücher immer
mehr bemerkbar, und keiner merkte, dass immer weniger stimmte. Dörfer,
und Kleinstädtische Schulen sind nicht der beste Ort der Welt die
Pubertät durchzustehen, wenn man schon immer ein bißchen anders
war. Irgendwie wurde alles immer mehr falsch, und das arme Kind hatte
keine Ahnung, was oder warum ausgerechnet immer ich.
Aber manchmal hat man ja Glück. Als es 15 war, zog es mit Mama in
die große Stadt. Und machte eine faszinierende Entdeckung - es gab
noch mehr Freaks! Und keiner dachte sich etwas dabei! Ich meine, da liefen
Jungs mit langen Haaren (muß man sich mal vorstellen, so was gibt
es doch bloß im Fernsehen!) rum, und keiner sagte irgendwas. Oder
die saßen in der Pause auf der Fensterbank und spielten Gitarre!
Wie die errr... Alternativen im Fernsehen! Und staunend schaute
sich das Kind um - und es begab sich, dass es den großen Irrtum
beging, dem Bine letztendlich Ihre Existenz verdankt. Wenn die Welt so
groß ist, und so viele Leute darin Platz haben, dann komme ich auch
irgendwo unter, so wie ich bin.
Und das Kind wurde zuerst politisch engagiert (Ultralinks, natürlich),
und fing dann an, sich in sehr zweifelhaften Kreisen (Musikerkreisen nämlich)
rumzutreiben. Und weil es gut gelitten war, wurde langsam aus dem Kind
eine junge Frau - Bine.
Anfangs war sie noch unsicher, wie das so Mädchen mit 16, 17 zu
sein pflegen, still, und am liebsten mit Jeans und Fischerhemd, und später
höchstens ein bißchen Wimperntusche und Puder auf der Nase
(so viel Eitelkeit muß sein).
Aber mit der Musik lernte sie andere Welten kennen. Nicht nur ferne
Vorbilder von Videos und Plattencovern, sondern auch um sie herum waren
alle Leute, die zählten, 10 Jahre oder mehr älter als sie. Und
sie lernte schnell und gründlich. Und aus der Wüste der Pubertät
endlich in einem Kirschgarten gelandet, der unendlich schien, hatte sie
völlig vergessen, dass sie früher eigentlich Kirschgärten
nicht sonderlich gemocht hatte, und immer nur in einem Apfelgarten hatte
sein wollen. Aber schließlich hatte ihr Mutter Natur auch zwei nicht
zu übersehende Argumente vor den Hals gehängt, die ganz einwandfrei
Kirschgarten sagten. Und weil Bine schon lange gelernt hatte, sich
mit unabänderlichen Realitäten abzufinden, richtete sie sich
ein.
Es war ja auch einfach - niemand verlangte mehr seltsame Dinge von ihr,
wie Also wenn Du jemals einen Mann abkriegen willst, mußt Du
lernen, auch mal zurückzustecken. Nein, da waren ja selbstbewußte
Frauen, um sie herum, die den Teufel taten und zu allem Ja und Amen sagten,
was ihr Männe vorbetete, und hinter seinem Rücken lästerten.
Und da waren ja Männer, die durchaus Palmolive nicht für etwas
hielten, was man über die Nudeln schüttete. Es sah ja so aus
als ließe es sich hier leben. Und neben einem Studium (na ja, was
da neben was war ist eine andere Frage...)
Und so entstand mit der Zeit ein Bild - das Bild des perfekten Ich. In
der weisen Erkenntnis, dass man immer ein Ziel vor Augen haben muß,
wurde das Bild perfekter und perfekter - und Bine immer auf dem Wege dorthin.
Da waren Äußerlichkeiten - die Jeans waren längst nicht
mehr rosa, sondern schwarz, und wurden zu Röcken, die immer kürzer
und enger wurden. Die Fischerhemden waren längst in der Altkleidersammlung,
und abgelöst worden von Oberteilen, die ebenso enger wurden (der
Kürze waren doch natürliche Grenzen gesetzt - aber da war sie
oft dran). Die Freunde, die die Kleine früher als Maskottchen zu
Konzerten mitgenommen hatten, nahmen die Frau auch gerne mit - und nicht
mehr nur zu Konzerten.... Und das Mädel hat seinen Spaß gehabt
dabei. Dabei hat es auch immer Alkohol und Dope gehabt, aber weil es nicht
viel davon vertrug, hielt sich das immer in Grenzen die ihm noch keine
Sorgen machten, und keinem anderen auch. Ganz so still war sie auch nicht
mehr, die Leute hörten ihr ja zu, und sie konnte den Leuten zuhören.
Es war eine gute Zeit. Und wenn irgend etwas nicht stimmte, dann nahm
sie das Bild und schaute, was noch fehlte, und machte es dann. Ein neues
Buch lesen (Bildung ist immer gut!), oder eine neue Kette, noch größer-glitzer
als die letzte, oder ein neues Fach an der Uni, oder was auch immer es
war. Es war eine gute Zeit - und als die Katastrophe kam, kam sie unerwarteter
als ein Blitz aus heiterem Himmel.
Denn die Katastrophe kam nicht, weil irgend etwas passierte. Sie kam auch
nicht, weil das Bild nicht stimmte (es war ja nicht in Stein gemeißelt).
Die Katastrophe kam, als das Bild - und damit Bine - nahezu perfekt war.
Den dass, was da gebaut war, war schön, und es war gut. Und vollständig
hohl. Ich stand in diesem perfekten Bild, und ich war falsch hier. Und
als ich endlich dahinter kam, warum, starb Bine. Nach langer, schwerer
Krankheit, würde in einer Todesanzeige stehen. Dabei hatte ich gar
nicht gemerkt, wie schwer eigentlich. Es konnte doch eigentlich nicht
viel sein, ein bißchen hier und ein bißchen da, und ich suchte
verzweifelt nach dem Fehler. Aber wie jemand, dessen Krebs schon gestreut
hatte, war Bine unrettbar verloren, und an dem Tag, als ich das endlich
merkte, war ich etwas, von dem ich lange gedacht hatte, ich müßte
es doch schon lange sein - Glücklich, denn ich hatte nichts mehr
- außer mir.
Ich vermisse sie heute noch manchmal, und ich trauere immer noch um sie,
und ich werde sie nie vergessen. Sie war ein nettes Mädel, und ich
hätte sie gerne besser gekannt. Aber es war entweder sie oder ich
- und sie war schon tot, als sie geboren wurde. Aber trotzdem, es war
eine gute Zeit ...
Euer Alex
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