Mann = Dödel, oder?

Aus der Mailingliste:

Das sind Auszüge vom (vorläufigen) Ende einer ziemlich langen Diskussion, die begann über den Sinn und Zweck eines Aufbaus, und schließlich so endete, plus den Ergebnissen, die solche Überlegungen für einen einzelnen hatte, und schließlich in einer Diskussion endete, was denn nun "männlich" oder "weiblich" sei, beziehungsweise was diese Frage für uns bedeutet.

Alex:
Ich sehe das so: Ich bin nu mal ohne auf die Welt gekommen, ich habe keine Lust, mich diesen Risiken auszusetzen, weil das was dabei rauskommt eben auch nicht das wahre ist ...

Klar kostet das Nerven. Aber mich würde die Lügerei mehr Nerven kosten.

Tom:
Zu dem Punkt der "Verleugnung der Vergangenheit". Ich verleugne sie nicht. Jeden Tag werde ich an meine Sozialisation erinnert. Aber wenn Du die Schaffung einer Penisprothese als Lüge bezeichnest, dann mußt Du das auch bei der Brustamputation oder bei Behinderten oder Mißgestalteten die Verwendung von Prothesen.

Alex:
Da haben wir uns mißverstanden - ich bezeichne nicht die Schaffung eines Neopenis als Lüge, und ich bin auch nicht dagegen, dass es jemand machen läßt.

Was ich meine, ist dass es Leute gibt, die meinen, dass wenn sie so was erst mal haben, sie anderen gegenüber so tun können (und am besten noch auch sich selbst gegenüber) als seien sie Über-Cis-Menschen. Und das funktioniert einfach so nicht; und das ist die Lüge, die ich da sehe. Das halte ich auch für relativ riskant für einen selber, weil diese Menschen (zu denen auch keineswegs jede genitalkorrigierte Transe gehört) jedesmal, wenn auch nur ein Anflug in die Richtung Trans kommt, in ein schwarzes Loch fallen; eben weil sie sich damit nicht auseinandergesetzt haben.

Bei mir schaut die Entwicklung - zum derzeitigen Zeitpunkt, das ist, wie gesagt, eine Entwicklung - halt so aus: Am Anfang konnte es mir auch nicht schnell genug gehen, dass die Brust wegkam, weil da auch viel dranhing an emotionalem Ballast. So schnell ging das aber nicht, und dann fing ich mich eben an zu fragen, warum ich die weghaben will, und ob das eine gute Idee ist.
Und das hat verdammt lange gedauert, und im Moment bin ich eben da angekommen, wo ich für mich nicht mehr das Problem sehe - bzw. kein untragbares mehr. Würde ich auf einer einsamen Insel leben, könnte ich das mittlerweile wohl. Ich lasse es jetzt letztendlich machen, weil ich eben nicht auf selbiger lebe und der Rest der Menschheit ein dickes Problem damit hat. Da weiß ich aber auch, dass es ein Kompromiß - vielleicht sogar ein fauler - ist, weil ich mich da in eine Reihe von Diskussionen einfach nicht mehr einlassen will. Was einen Schwanz angeht, bin ich eben nicht bereit, diesen Kompromiß zwischen dem Bedürfnis anderer Leute (nämlich dass man gefälligst eindeutig zu sein habe) und mir und dem was ich wirklich brauche einzugehen.

Aber wie ich schon sagte, das ist meine Meinung und meine Entscheidungen, da kann und muß jeder seine eigenen treffen. Ich sehe eben nur die Gefahr, dass man sich da eventuell auf was einläßt, was man nicht richtig überblickt, und dann feststellt, dass die Probleme, die man damit lösen wollte, nicht damit lösen kann. Deswegen verweise ich auf andere Sichtweisen, aber deswegen deklariere ich diese nicht als die einzig richtigen und allen als falsch.

Oder, wie man hierzulande sagt: "Jeder Jeck ist anders." Und dann mag er auch völlig andere Sachen brauchen.

Tom:
ich gebe Dir vollkommen recht, dass man sich fragen muß "Warum mache ich das?"
Das habe ich auch getan, Tag und Nacht. Zwei Suizidversuche sowohl ausschweifende Autoaggressivität prägten diese Zeit. Aber Jahre später kann ich sagen, dass ich damals viel über mich erfahren habe und vor allem das, was für meine Zukunft wichtig ist. Oft habe ich mir gewünscht lesbisch zu sein und nicht TS. Das wäre einfacher gewesen. Dann habe ich mir vorgestellt so zu leben. Aber das war unmöglich.

Die Brust-OP und das Ausräumen waren das Minimum, um mit mir leben zu können. Ein wichtiger Punkt für alle TS ist, dass sie sich mehr als nur informieren müssen. Dieses gilt für die Gutachter und besonders für die Operateure. Die Ergebnisse, der deutschen Ärzte hatten mich sehr erschrocken. Hätte ich die OP bei Daverio nicht bekommen, so besäße ich keinen Schwanz. In diesem Fall würde ich meine Sexualität weiterhin ignorieren (außer wenn es mal ganz schlimm wird --- ;-) ), denn die Konsequenzen aus einer OP wären mir zu risikoreich. Ich wollte kein medizinisches Wrack werden. Dabei dachte ich natürlich sehr genau über evtl. Korrekturoperationen nach. Die Anzahl, der in Deutschland notwendigen machte mir Angst und mich mutlos. Schließlich stieß ich dann ja auf Daverio, aber ich verließ mich nicht auf seinen Ruf, sondern habe mich ausgiebig informiert, ihm auch unangenehme Fragen gestellt. Er schaffte mir auch Kontakt zu einem gerade Operierten und ich konnte mir die Klinik ansehen, mit den Schwestern sprechen, was ich auch alles tat. Dann habe ich das Operationsvideo angesehen und vieles gelesen. So bin ich dann das Risiko eingegangen.

Mich erschreckt es immer wieder wie leichtsinnig manche TS sind, auch was die Brust-OP angeht. Ich habe Bilder gesehen, wo Menschen keine Brustwarzen mehr haben, sie unterschiedlich groß sind, auf der falschen Höhe sind, sie entfernt wurden, weil tätowieren einfacher ist. Mal abgesehen von den unterschiedlichen Narbenbildungen. Für mich war es wichtig, dass die Brustwarzen klein werden und sensibel bleiben. Was bei mir der Fall war. Und ich war, wie Du weißt ein echt beschissener Fall.

Es gibt viele Menschen, die mit irgendwelchen brachialen Taten von ihrem eigentlichen Problem ablenken. Wenn ich Menschen kennenlerne, die mir überbetont machomäßig gegenübertreten, so werde ich doch vorsichtig mit meinen Äußerungen. Meiner Meinung nach ist es gerade dann wichtig, besonders sorgfältig zu informieren. In jede Richtung! Es gibt aber auch TS, die kommen und Du weißt, die sind mit allem durch, die wollen nur noch die Infos wie, wo und wann.

Handelt es sich um TS, die sich als dem anderen Geschlecht zugehörig fühlen, aber über die Art des Auslebens noch nicht im Klaren sind, finde ich es wichtig, andere Wege des sich Annehmens aufzuzeigen. Wenn jemand Zufriedenheit ohne OP erhält, so ist dieses der beste Weg.

Alex:
Und das funktioniert einfach so nicht; und das ist die Lüge, die ich da sehe. Das halte ich auch für relativ riskant für einen selber, weil diese Menschen (zu denen auch keineswegs jede genitalkorrigierte Transe gehört) jedesmal, wenn auch nur ein Anflug in die Richtung Trans kommt, in ein schwarzes Loch fallen; eben weil sie sich damit nicht auseinandergesetzt haben.

Stephen:
Was mir am Anfang der ganzen Sache als Gefahr für mich auffiel, war, so nahe wie möglich an einen Männerkörper ranzukommen, und dann gegen eine Wand zu rennen, weil es halt doch nicht das gleiche ist. Ich hatte seit zwoelf Jahren meine Vagina nicht mehr benutzt - meine Liebesaffäre mit meiner Möse ist allerneuesten Datums ;-) - und war überzeugt, ein Klitorispenoid und eine Hodenplastik haben zu wollen. Irgendwann fiel mir dann auf, dass es eben doch nur eine Plastik ist, und ich niemals abspritzen könnte wie ein normaler Mann. Oder eben die ganzen Empfindungen haben, die bei einem Mann in den Eiern sitzen. Der Gedanke, den Rest meines Lebens mit dem Bewußtsein rumzulaufen, dass da bloß Salzwassersäckchen sind, war das Ende von der Idee mit der Hodenplastik.

Von da war es dann nicht mehr weit bis zu der Erkenntnis, dass die Orgasmen, die ich überhaupt haben kann, sich immer aus dem ergeben, was ich jetzt schon an Genitalien habe. Da ist dann der Umschwung in meinem Denken gekommen. Geholfen hat auch David Harrisons Eingeständnis - in seinem Essay "The Personals" - dass er im Kontext von schwulem Sex gerne in seine Vagina gefickt wird - ich hatte irgendwie gedacht, so eine sexuelle Phantasie wäre für eine anständige Trans-Schwuchtel vollkommen unakzeptabel - was so ne richtig sexfeindliche Kindheit ist, geht nur schwer aus dem Gehirn ;-)

Ja, und dann kamen die tollen Genitalpiercings, die Loren Cameron für _Body Alchemy_ fotografiert hat, und die Empfehlung, das Wachstum des Transenpimmels mit Nippelpumpen etwas anzuregen - irgendwann war dann die Erkenntnis da, dass TM-Geschlechtsteile absolut sexy und phantastisch aussehen können ohne ein Vermögen für Chirurgen auszugeben.

Die Brust, andererseits, muß bei mir weg, um irgendwelchen Seelenfrieden zu haben - das ist bei mir so primaer, da konnte ich auch in einem ganzen Jahr Therapie nicht hintersteigen. Das Trauma, bei der ersten meiner Schulfreundinnen zu bemerken, dass die Brust wächst, und zu erkennen, dass das auch mir droht, ist bis heute unvergessen. Der Gedanke, mich im voraussichtlich im November unter die Narkose zu legen und die Dinger loszuwerden ist so ungeheuer schön und friedvoll, das gibt's gar nicht.

Alex:

Mich beschäftigt die Frage, was eigentlich die Kriterien für "männlich" und "weiblich" sind.

Ich würde sagen, da müßte man noch mal den Ansatzpunkt Deiner Überlegungen neu definieren. Denn Du gehst davon aus (nicht als einziger, die kompletten Weißkittel und genug Cis- und Transmenschen befinden sich auf dem selben Holzweg), dass es eine objektive Realität überhaupt gibt. Das ist aber eine durchaus nicht unbestreitbare Behauptung. Es ist zwar richtig, da die Grundsätze der Physik beispielsweise überall funktionieren, und wenn man sich nicht auf einen kompletten Solipsismus zurückziehen will, wird das auch jeder anerkennen. Aber wenn's komplizierter ist, wird es schwierig. Was den Menschen angeht, kann es die gar nicht geben, denn die Erkenntnis des Menschen durch den Menschen ist logischerweise IMMER subjektiv. (Vielleicht hat Gott, so man denn seine Existenz annimmt, ein objektives Bild vom Menschen. Aber der ist ja auch keiner...)

Also gibt es auch keine klaren, objektiven Kriterien, die menschliches Verhalten betreffen. Denn da wird immer nur eine Gruppe gemessen, und was gemessen wird, wird auch von einer "objektiven" Seite gemacht, sondern auch von Menschen, die bestimmte Fragen stellen, weil sie gar nicht auf die Idee kommen, dass es noch andere Fragen geben könnte. Am besten ist dies in der Wissenschaftsgeschichte zu beobachten, die Anthropologie ist da ein sehr ergiebiges Feld. (Früher wäre es undenkbar gewesen, eine Untersuchung durchzuführen, die die Gleichheit der Rassen bestätigt. Heutzutage ist es fast genau so unmöglich, eine durchzuführen, die die Verschiedenheit zum Thema hat. Ich empfehle eine Woche Lektüre von sci.anthropology. Dann ist man von dem Bild der objektiven Wissenschaft des Menschen kuriert.) Dementsprechend gibt es auch keine "objektiven" Kriterien für Männlichkeit und Weiblichkeit. Es gibt höchsten Tendenzen, die sich sehr weitgehend beobachten lassen, aber die sind so vage, dass sie für eine individuelle Identität bei weiten nicht ausreichen. (Männer sind meistens größer als Frauen. Frauen kümmern sich meistens um kleine Kinder, Frauen sind meistens für die interne Kommunikation zuständig, während Männer die nach Außen übernehmen, etc...)

Der komplette Rest entsteht alleine aus dem Kulturzusammenhang. Frauen haben lange Haare und Männer kurze - es gibt Völker, die alleine diese Zuordnung schon als obszön empfinden. Und so weiter, und so fort.

Es BLEIBT also nicht viel übrig an Objektivem. Das Maximum, was da rauszuholen ist, ist die Tatsache, dass es eine grobe Unterteilung gibt in Männer und Frauen, wobei viele Kulturen schon gleich eine Bereich "dazwischen" mit annehmen. Dann kann man noch feststellen, dass ebenfalls nicht die Zuordnung von der einen oder anderen Anatomie zu dem einen oder anderen sozialen Geschlecht (engl: gender) zwingend ist. Und der Rest ist dann aber garantiert subjektiv.

Und damit, um Dir meine Antwort auf diese Frage zu geben, komme ich da an, dass ich sage, der Rest der Menschheit macht nun mal den Unterschied zwischen Männern und Frauen, und die einen werden so und die anderen so behandelt. Und ich komme wesentlich besser mit dem Rest der Menschheit zurecht, wenn wir uns darüber einig sind, dass ich ein Mann bin. Objektive Kriterien dafür zu finden dürfte eine Horde Soziologen und Psychologen ein paar Jahrhunderte gefangen halten - um genau zu sein, das tut es schon. Schau mal in die Regale der nächsten Bücherei zu dem Thema. Es ist objektiv von niemandem zu erfassen, weil jeder ein Teil dieses ganzen ist.

Das brauche ich aber auch gar nicht. Meine subjektive Wahrheit reicht mir völlig aus.

P.S. Sollten doch mal Untersuchungen an Hirnen meßbare Unterschiede ergeben an den Gehirnen ALLER Transen zu denen ALLER Cissen, vergiß den Quatsch, den ich oben geschrieben habe. Allerdings habe ich so den bösen Verdacht, dass das noch ein bißchen dauern könnte ;-)

Tom:

Ich frage mal ganz provokativ: "Worin liegt der Sinn in der Definition?"

Das Spektrum der Menschen ist doch so unterschiedlich, dass eine Definition unrealistisch ist. Gäbe es eine Definition, d.h. einen Kriterienkatalog, und würde ein TM, dem Katalog nicht entsprechen, so würde er sich sicherlich auch nicht besser fühlen. Wäre er nach dem Katalog weiblich, dann sagt er doch nicht:

"Hey, man ist das toll, jetzt weiß ich was ich bin und freue mich Kleider anzuziehen und belege erst mal einen Schminkkurs!"

Wichtig ist doch, zuerst herauszufinden wer man ist und ein realistisches Bild seiner selbst aufzuzeigen. Denn daran wird sich nach einer OP nicht viel ändern. Wenn ich weiß, dass ich kein Macho bin, dann werde ich mich auch nach dem Coming Out nicht als Macho verhalten. Macht das ein TM dann trotzdem, ist dies ein Indiz von Unsicherheit bezüglich seiner Persönlichkeit.

Zudem muß man zwischen zwei Situationen unterscheiden.

1. Akzeptanz in der Gesellschaft:

Kann ich mit meinem Bild von mir in dieser Gesellschaft zufrieden existieren? Kann ich damit leben, dass andere in mir aufgrund meines Äußeren eine Frau sehen (selbst wenn es nicht alle sind)? Kann ich meine Gefühle der Gesellschaft gegenüber verleugnen (teilweise oder komplett), damit ich nicht ständig unter der Situation von Erklärungen und Lügen leide? --- Wenn ich das alles nicht kann, was wäre für mich wichtig, damit ich mit all dem umgehen kann---Wird die Namensänderung mir helfen? Wird mir die Einnahme von Hormonen helfen? Wird mir eine OP helfen? Es muß nicht alles sein, aber man sollte sehr ehrlich zu sich sein.

2. Akzeptanz des eigenen Körpers:
Dieses kann nur ein Kompromiß sein, da wie wir ja alle wissen das gewünschte Geschlecht eines Biomannes nicht exakt kopiert werden kann. Auch hier muß man ganz ehrlich sein, zumal es sich dabei um irreversible Folgen handelt.
Alex' Bild von der einsamen Insel finde ich sehr gut. Man sollte sich seinen Körper vorstellen und sich fragen, ob man bestimmte Körperteile vielleicht doch akzeptieren kann. Man sollte sich irgendwo zwischen dem Idealbild und dem realistischen Bild treffen.

Wenn man die beiden o.g. Situationen ehrlich für sich beantwortet, dann kommt man zu seinem Lebenskonzept. Dabei ist es völlig egal ob man sich für das Leben als Biofrau, als unoperierter TM oder was weiß ich entscheidet. Auf jeden Fall kann man sich so im Leben zurecht finden.

Für mich war es nur wichtig, dass "ich" zufrieden leben kann. Dabei war es völlig unwichtig, ob die Gesellschaft mit mir glücklich leben kann. Wer mit meiner Entscheidung nicht umgehen kann, der soll sich von mir abwenden. In meiner Familie und in meinem Freundeskreis hat sich nur eine Person (Lesbe) distanziert. Die anderen hatten mehr oder weniger Probleme meine Transsexualität in ihren Alltag zu integrieren (männliche Anrede und so). Am Anfang mußte ich viele Fragen beantworten, doch heute ist es nur sehr selten ein Thema.

Das Fazit meiner Freunde ist, dass ich viel gelassener, offener und lockerer bin als früher. Damit haben sie auch völlig recht, da ich heute mich nicht mehr verleugne, sondern so lebe, dass es mir gut tut.




 
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