Achtung: Ich habe dieses Gutachten eingescannt. Es ist durchaus möglich, dass sich darin noch Rechtschreibfehler befinden.
Die einzigen Änderungen, die ich vorgenommen habe, ist die Anonymisierung
des Gutachtens, da der Betreffende dies wünschte. Diese sind durch ***
deutlich gekennzeichnet.
Dieses Gutachten ist ein Beispiel, wie es nicht sein
sollte, darum ist es auch im Fun-Bereich zu finden!
Ein Gutachten hat nicht zur Aufagbe, unklare Testergebnisse oder sexuelle Präferenzen
in dieser Art zu beschreiben.
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Kopie
KLINIKUM DER CHRISTIAN-ALBRECHTS-UNIVERSITÄT ZU KIEL
Sexualmedizinische Forschungs-
und Beratungsstelle
Arnold-Heller-Straße 12
24105 Kiel
Telefon (0431) 597, 3650
Fax-Nr.: (0431) 597-3984
Leiter: Prof. Dr. med. Dr. jur. R. Wille
In der Personenstandssache
A**** M****, 11. April 1997IAp
geb. am ****1974
gewünschter Vorname (gern. § 1 TSG)
N****
Az: ****
wird auf Ersuchen des Amtsgerichtes Kiel (Richter Dr. Schmidt) ein sexualmedizinisches
Gutachten zu folgenden Fragen erstellt:
1. Empfindet sich die Antragstellerin dem anderen Geschlecht zugehörig?
2. Steht sie seit mindestens 3 Jahren unter dem Zwang, ihren Vorstellungen
entsprechend zu leben?
3. Ist mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass sich das Zugehörigkeitsempfinden
zum anderen Geschlecht nicht mehr ändern wird?
Dem Gutachten liegen die Ergebnisse der ausführlichen sexualmedizinischen
Untersuchungen **.1.1997, **.2.1997 und vom ***.4.97 in Kiel zu Grunde, sowie
ein von der Probandin selbst angefertigter Lebenslauf, weiterhin ausführliche
Arztberichte von Dr. med. Hill, Psychiatrische Universitätsklinik zu Lübeck,
ebenfalls zwei Berichte von Dr. Fingscheidt, Endokrinologische Ambulanz der
Medizinischen Universität zu Lübeck, eine testpsychologische Untersuchung
und die telefonisch eingeholten fremdananinestischen Angaben der Mutter und
der langjährigen Freundin B****
Die Patientin, nachfolgend entsprechend der subjektiven Zugehörigkeit
zum anderen Geschlecht mit den männlichen Artikeln benannt, hatte am 9.
Februar 1997 die ihn behandelnden Ärzte von der Schweigepflicht uns gegenüber
schriftlich entbunden.
2
Zur Anamnese
Herr M. wurde 1974 als jüngstes von insgesamt drei Kindern in **** geboren.
Die beiden Brüder sind 14 und 19 Jahre älter als der Patient. Der
Vater arbeitete als ****meister, die Mutter ist gelernte ****, war im Rahmen
der Kindererziehung weitgehend als Hausfrau tätig.
Während der frühen Kindheit kann sich Herr M. daran erinnern, hauptsächlich
von der Mutter aufgezogen worden zu sein, da der Vater sehr viel arbeitete und
nur abends oder am Wochenende ansprechbar gewesen sei. Bereits im jungen Kindesalter
fühlte er sich von anderen Kindern isoliert, spielte zwar gelegentlich
mit einer Freundesgruppe Fußball, hatte aber sonst keine kindlichen Freundschaften.
Als Herr M. 4 1/2 Jahre alt war, zog die Familie aus beruflichen Gründen
nach ****, wo sie sich ein Jahr lang aufhielt. Herr M. bezeichnet diese Zeit
im Nachhinein als die glücklichste in seinem Leben, da seine ,,Andersartigkeit"
in dem isolierten europäischen Camp in **** weitaus weniger aufgefallen
sei als in Deutschland.
Ein Jahr später, zurück in Deutschland, fühlte sich der Proband
in der Gruppe der anderen Kinder wiederum allein gelassen und isoliert. Er weigerte
sich, in den Kindergarten zu gehen. Als sein liebstes Hobby in der Zeit gibt
er
3
Fußballspielen und Klettern an. Damals habe er sich bereits als Junge
gefühlt, jedoch gedacht, dass ihm ein Penis später wachsen würde.
Mit 7 Jahren wurde Herr M. eingeschult, hatte dort wiederum Probleme, Anschluß
an eine entsprechende Peer-group zu finden. Vor allen Dingen die Lehrer waren
es, mit denen er ein Gespräch suchte, womit seine Außenseiterrolle
unter den Schülern weiter betont wurde. Die schulischen Leistungen bewegten
sich insgesamt im Mittelfeld. In der 2. Klasse lernte er dann die gleichaltrige
B**** kennen, die seine einzige Freundin und langjährige Vertraute wurde.
Zu Beginn der Pubertät mit etwa 12 Jahren begann er, sich intensiv für
Männer zu interessieren. Dabei habe er sich nie ,,mädchentypisch"
verhalten, beispielsweise auf verlockende Kleidung, Make-up und typisch weibliche
Verhaltensweisen bewußt verzichtet. Im Verlauf der Pubertät wurde
das Verhältnis speziell zum Vater deutlich schlechter. Wegen Unordentlichkeit,
schulischer Faulheit und dem Nicht-Einhalten von Absprachen eskalierten die
Streitereien zusehends. Mit der Mutter jedoch verlief das Verhältnis weitgehend
harmonisch. Herr M. beschreibt seinen Vater als kalt und perfektionistisch,
dieser habe ihm nicht das Maß an Liebe angedeihen lassen, das er damals
benötigte. Die Situation eskalierte, als Herr M. im Alter von 16 mit einem
massiven Alkoholabusus begann, im Zeitraum von 1-2 Jahren ca. 1-2 Flaschen Sekt
und diverse Gläser Whiskey am Tag
4
konsumierte. Die Streitereien im Elternhaus wurden für ihn subjektiv
derart unerträglich, dass er im Alter von 17 Jahren von zu Hause auszog.
Zeitgleich versuchte er, nach erfolgreichem Realschulabschluß ein Wirtschaftsgymnasium
in L**** zu besuchen, um dort das Abitur zu machen. Diese Schulausbildung habe
er jedoch nach 9 Monaten abgebrochen. Er absolvierte dann ein freiwilliges soziales
Jahr in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, das zum einen inhaltlich für
ihn erfüllend gewesen sei, jedoch im sozialen Rahmen mit den Mitarbeitern
zu Streitereien führte, da er nicht willens gewesen sei, sich in der Mitarbeitergruppe
einzuordnen. Nach dem Abschluß des sozialen Jahres und bis heute hat Herr
M. keine abgeschlossene Berufsausbildung, hat sich mit ABM-Jobs über Wasser
halten können und strebt nach erfolgter Angleichung eine Ausbildung als
Ergo-Therapeut an.
Sexualanamnese
An frühkindliche Doktorspiele oder frühe präpubertäre
sexuelle Erfahrungen kann sich der Patient nicht erinnern. Ihm ist jedoch deutlich
bewußt, wie er sich im Alter von ca. 12 Jahren zunehmend für Männer
zu interessieren begann. Er habe dabei jeweils versucht, den aktiven Part in
der Gestaltung der sexuellen
5
Situation zu übernehmen, es kam dabei zu Petting und oralen Kontakten.
Im Alter von ca. 16 Jahren und zunehmend unter Alkoholeinfluß kam es zu
häufig wechselnden Bekanntschaften mit Männern. Dabei habe er jeweils
versucht, den eigenen Körper so wenig wie möglich berühren zu
lassen, habe aber an der aktiven manuellen und oralen Befriedigung des jeweiligen
Partners Freude gehabt. Vaginalen Verkehr habe er abgelehnt, nur unter Alkoholeinfluß
sei dieser möglich gewesen.
Speziell die Menstruation (Menarche mit 12 Jahren) habe er stets als belastend
empfunden, sei dabei immer depressiv und mißgelaunt gewesen. Die großen
Brüste (BH-Größe 85e-f) seien zwar für Männer immer
attraktiv gewesen, für ihn selber aber immer abstoßend. Auch als
die Brüste im Rahmen der Pubertät zu wachsen begonnen hatten, habe
er sie bereits mit selbstkonstruierten Leibchen abgebunden. Als Frau ist der
Patient klitoral voll orgasmusfähig, er habe selten masturbiert, dann jeweils
mit der Phantasie von männlichen Oberkörpern und aktiver (analer)
Stimulation. Hierbei habe er sich stets als den männlichen Partner eines
homosexuellen Mannes gesehen. In der Folge habe er versucht, Masturbation weitestgehend
zu vermeiden, da ihm der Umgang mit dem eigenen weiblichen Körper unangenehm
gewesen sei. Mit 18 Jahren lernte Herr M. seinen jetzigen Ehemann kennen. Der
Ehemann **** **** **** **** ****
6
**** **** ****. Die beiden heirateten rasch, hatten auch sexuelle Beziehungen
inclusive Geschlechtsverkehr, den sie auf Drängen des Exploranden jedoch
2 Monate nach der Hochzeit aufgaben. Der Ehemann weiß von der transsexuellen
Entwicklung des Herrn M., ist damit nicht einverstanden. Herr M. wünscht
sich eindeutig eine homosexuelle Orientierung, er habe sich für Frauen
oder Mädchen nie interessiert. Sein Idealbild sind hierbei leicht androgyn
wirkende, sehr schlanke Männer mit langen Haaren. Langfristig gesehen ist
die Scheidung mit dem jetzigen Ehemann angestrebt. Aktuell leben die beiden
jedoch noch zusammen, um **** **** **** **** nicht zu gefährden.
Nachträglich interpretiert Herr M. die Heirat als ,,Rettungsversuch der
weiblichen Identität", der ihm gründlich mißlang.
Die Eltern und der Freundeskreis des Exploranden sind über die transsexuelle
Entwicklung informiert. Hierbei unterstützen sowohl beide Elternteile wie
auch der Freundeskreis diese Entwicklung. Der einzige, der sich daraufhin von
ihm abwandte, ist sein 19 Jahre älterer Bruder. Im Dezember 1995 und nach
mehrfachen Kontaktaufhahmen zu transsexuellen Selbsthilfegruppen wandte sich
Herr M. erstmalig an die Psychiatrische Univ. -Poliklinik zu Lübeck, wo
er seit
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dem kontinuierlich psychiatrisch und psychotherapeutisch behandelt wird (Dr.
Hill). Dort bekam er nach 8monatiger Betreuung und der internistischen und endokrinologischen
Abklärung die gegengeschlechtlichen Hormone verabreicht. Der in den Standards
of care geforderte Alltagstest von 12 Monaten Dauer wurde nicht insgesamt psychotherapeutisch
betreut, fremdananinestisch kann Herr M. jedoch weitgehend plausibel den bereits
über 2 Jahre dauernden Wechsel in das soziale männliche (homosexuelle)
Leben nachweisen. Er trägt männliche Kleidung und bewegt sich in einem
homosexuell geprägten Umfeld. Hier werde er häufig für eine lesbische
Frau gehalten, bis er seine transsexuelle Identität offenbare. Dann sei
dort die soziale Einbindung problemlos.
Nach Verabreichung des Testosterons sei es zu einer deutlichen Besserung in
dem subjektiven Befinden von Herrn M. gekommen. Er sei ausgeglichener, zugänglicher
und kooperativer, wie uns Dr. Fingscheidt berichtete. Die Univ. -Klinik Lübeck
erklärte sich zudem zu der weiteren psychotherapeutischen Betreuung bereit.
8
Ergebnisse eigener Untersuchungen
Psychostatus bei Vorstellung:
Es handelt sich um einen 22jährigen, altersentsprechend wirkenden Patienten
mit androgynem Äußeren. Er trägt überschulterlanges, blau-schwarz
gefärbtes Haar, hat mäßig behaarte Unterarme und Unterschenkel,
trägt betont maskuline Kleidung mit einer schwarzen Lederjacke und Armeehosen.
Die Brüste sind derart abgebunden, dass sie unter der Kleidung nicht
zu erkennen sind. Das formale Denken ist stets kohärent, das inhaltliche
Denken teils eingeschränkt auf die transsexuelle Symptomatik, jedoch ohne
Anhaltspunkte für psychotische Inhalte oder Wahnvorstellungen. Affektiv
erscheint Herr M. schwingungsfähig, nicht depressiv, teilweise etwas unangemessen
lässig, ohne Anhaltspunkte für eine affektive oder psychotische Erkrankung.
Suizdialität wird glaubhaft verneint.
9
Körperlicher Untersuchungsbefund
In einem Arztbrief von Dr. U. Findscheidt, Endokrinologische Ambulanz der
Universität zu Lübeck, liegt uns ein Untersuchungsbefund von April
96 vor. Dabei waren bei der körperlichen Untersuchung keine Auffälligkeiten
zu eruieren. An den Kinnpartien ist ein sehr geringer Haarflaum auszumachen,
eine wesentliche Akne besteht aktuell nicht. Da der Patient bei uns eine körperliche
Untersuchung ablehnte, haben wir uns mit ihm im Kompromiß darauf geeinigt,
nur die eventuelle körperlichen Veränderungen unter dem Testosteroneinfluß
zu untersuchen, um diese dokumentieren zu können. Auf eine vollständige
neurologische und internistische Diagnostik wurde daher verzichtet, um die Compliance
zu wahren, obwohl dies nicht den Standards entspricht. So wurde nur eine Inspektion
der Mammae und des Genitales durchgeführt.
Die Mammae des Patienten mit geschätzter BH-Größe 85e-f sind
durch ein selbstgefertigtes Leibchen aus straffem Jeansstoff vollständig
abgeschnürt. Unter dem Testosteroneinfluß scheinen die Brüste
nach Aussage des Patienten etwas schlaffer und flacher geworden zu sein. Subjektiv
klagt der Patient über starke
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Schmerzen durch das Abbinden. Die Schamhaargrenze verläuft nicht mehr
gänzlich horizontal, es ist ein beginnender Flaum mit kranialer Ausrichtung
zu sehen. Die Klitoris hat eine Größe von ca. 2cm und ist nur noch
knapp von den Labien bedeckt. Eine wesentliche Akne besteht aktuell nicht.
In den endokrinologischen Vorbefunden, die uns vorliegen, fand sich keine
endokrinologische oder internistische Abweichung. Die Ergebnisse der Nebennierenrinden-Funktionsdiagnostik
stehen noch aus, das gynäkologische Konsil sowie die Kariotypisierung liegen
uns nicht vor. Telefonisch teilte uns Herr Dr. Fingscheidt mit, dass sich
alle Befunde im Normbereich bewegten, so dass keine Anhaltspunkte für
ein Intersex-Syndrom oder ähnliches bestehen.
Testpsvchologie
Gießen-Test:
Dieser Fragebogen untersucht das vom Patienten geschilderte Selbst im Vergleich
zu anderen Menschen. Wir führten den Test mit zwei Varianten durch, zum
einen, dass sich der Explorand zum jetzigen Zeitpunkt einschätzen
sollte, zum anderen nach einer fiktiv angenommenen geschlechtsangleichenden
Operation. Die Tests unterschieden sich in keinem einzigen Item voneinander.
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Auswertung des Gießen-Testes:
Im Bereich der sozialen Resonanz gibt der Expiorand an, im Gegensatz zu anderen
Menschen eher unbeliebt zu sein bzw. sich unbeliebt zu machen. Er schätzt
sich als nicht sonderlich attraktiv ein und ist an der Verbesserung seines Aussehens
wenig interessiert. Die Punktwerte, die der Explorand in diesem Alter erreicht,
sind an der unteren Grenze der statistischen Normverteilung.
Im zweiten Item, der Dominanz, beschreibt sich Herr M. als häufig in
Auseinandersetzungen verstrickt und etwas eigensinnig. Er übernimmt gerne
die führende Rolle und kann gut schauspielern. Auch hier findet sich ein
Wert an der unteren Grenze der Normalverteilung. Im Gegensatz dazu ist im Kontroll-Item
eher eine Überkontrolliertheit zu finden. Der Explorand kann gut mit Geld
umgehen, schätzt klare Strukturen, ist wahrheitsfanatisch und ordentlich
(was er übrigens im Vorgespräch ablehnte). Hierbei kommen die von
der väterlichen Seite weitergegebenen, aber bewußt abgelehnten ,,preußischen
Tugenden" mit einer Skalierung knapp oberhalb der statistischen Verteilung
zum Tragen. Im Bereich der Grundstimmung (Item 4) ist der Explorand ausgeglichen.
Er ist weder besonders ängstlich oder bedrückt, noch neigt er dazu,
Ärger in sich hineinzufressen. Eine depressive Stimmungslage ist aus diesem
Testbefünd nicht eruierbar. Im nächsten Item - der Durchlässigkeit
- bewegt sich der Explorand
12
ebenfalls im statistischen Mittelfeld. Er hat die Fähigkeit, anderen innere Dinge von sich selbst preiszugeben, kann in der Liebe vertrauensvoll sein und sich öffnen. Doch kann er auch die benötigte Distanz zu anderen Menschen halten. Auch in der nächsten Skalierung - der sozialen Potenz - findet sich ein Normwert. Der Expiorand beschreibt sich eher als gesellig, sozialfähig und im hetero- und homosexuellen Kontakt unbefangen. Er ist phantasiereich und fähig zu Dauerbindungen. Eine Tendenz, mittlere Werte anzukreuzen, die auf eine emotionale Indifferenz hindeuten könnte, besteht bei dem Exploranden nicht. Hingegen sind Extremwerte häufiger, was psychodynamisch betrachtet auf ein gewisses Ausagieren hinweisen könnte.
Insgesamt bewegt sich der Explorand in den Items der sozialen Resonanz und
der Dominanz, sowie in dem Bereich der Zwanghaftigkeit in einem neurotisch anmutenden
Muster. Die Stimmungsstabilität und die Fähigkeit, sich auf langfristige
Bindung einzulassen, relativiert diese Befunde etwas. Auffällig ist, dass
die frauentypisch besetzten Items vom Expioranden abgelehnt werden (Beispielsweise:
ich halte mich für besonders ängstlich, ich lege viel Wert darauf,
schön auszusehen, ich mache mir verhältnismäßig oft große
Sorgen um andere Menschen). Der Explorand war der festen Überzeugung, dass
sich nach
13
erfolgter Operation und Personenstandsänderung kein Item ändern
wurde. Zum einen ist dieses positiv zu betrachten, da sich auch mit der Angleichung
an das gewünschte Geschlecht kein einziges seiner Probleme von selber lösen
wird, zum anderen ist diese gewisse innerpsychische Rigidität auf die aktuelle
Beurteilungssituation zurückzuführen.
Insgesamt haben die Ergebnisse des Gießen-Tests den klinischen Eindruck
verstärkt. Hinweise auf eine manifeste psychiatrische Erkrankung ist in
der testpsychologischen Untersuchung nicht zu eruieren, eine Abweichung im Verhalten
von einer idealtypischen Normpopulation kann jedoch vorliegen.
Raven-Test
Im Raven-Test ergab sich ein Intelligenzquotient zwischen 118 und 127. Damit
liegt der Explorand über der 90er Perzentile, d.h. dass er bezüglich
auf den IQ gleich oder höher als 90% seiner statistischen Altersgruppe
liegt. Bei dieser überdurchschnittlichen Intelligenz ist bedeutsam, dass
es sich bezugnehmend auf den beruflichen Weg des Expioranden um eine derzeitige
Unterforderung handelt. Dies ist durchaus in Einklang mit der transsexuellen
Entwicklung zu bringen, die die berufliche Ausgestaltung entgegen des Potentials
hätte behindert
14
haben können.
Draw-a-Person-Test
Bei diesem projektiven Testverfahren handelt es sich um eine Methode, während
derer der Explorand eine Person bzw. einen Menschen zeichnen soll. Hierbei wird
explizit keine Geschlechtsvorgabe gemacht.
Die Zeichnung des Exploranden zeigte ein Gesicht eines androgyn wirkenden
jungen Mannes mit langen Haaren. Nach der Geschlechtszugehörigkeit befragt,
sagte er, dass es sich für ihn eindeutig um einen jungen Mann handele,
er würde aber verstehen, dass diese Person für Betrachter männlich
bis androgyn wirken könne. Da transsexuelle Menschen normalerweise ihr
Wunschgeschlecht zeichnen, ist dieser Test nicht vollständig auswertbar.
Die Zeichnung entspricht im wesentlichen denjenigen, die uns bereits vorlagen
und in deutlicherer Art und Weise die Transsexualität des Exploranden zeigten
(eines der Bilder zeigt eine schmerzverzerrte weibliche Hülle, die von
innen von einem jungen Mann wie ein Panzer aufgebrochen wird). Entgegen der
Aufforderung, den ganzen Körper zu zeichnen, hatte Herr M. nur ein Gesicht
gemalt. Vorsichtig interpretiert, könnte sich hier auch eine gewisse innere
Unsicherheit bezüglich des empfindenen Geschlechts zeigen.
15
Freiburger-Persönlichkeits-Inventar
Das FPI, das einen Überblick über Inhalte und Kernzüge der
Persönlichkeit geben kann, ist in diesem Fall nur begrenzt auswertbar,
da der Explorand 42 der insgesamt 212 Fragen mit nicht existenten Mittelwerten
angekreuzt hat. Insofern ist die Aussagefähigkeit des Testes nur sehr beschränkt
einzuschätzen. Insgesamt gesehen bietet sich das Bild eines nicht-neurotischen,
beherrschten, einigermaßen selbstsicheren und ruhigen Menschen. Herr M.
schätzt sich als gesellig bis lebhaft ein, ist dabei irritierbar und zögerlich.
Ein weiblicher Wert besteht in der Nachgiebigkeit, dabei schätzt er sich
insgesamt als ungezwungen und kontaktfähig ein. Auch die Offenheitsskala
bewegt sich im unteren statistischen Bereich, was weiterhin die Aussagefähigkeit
des Tests einschränkt. Herr M. stellt sich als extravertiert und sehr emotional
stabil dar (Extremwert). Insgesamt ist die Selbstschilderung eine eher männliche
als typisch weibliche. Die 42 unbestimmt beantworteten Fragen können ebenso
wie der Draw-a-Person-Test auf eine innerliche Androgynie hinweisen.
Fremdanamnestische Angaben
Die folgenden fremdanamnestischen Angaben beziehen sich auf die telefonischen
Auskünfte der Mutter des Exploranden und seiner langjährigen
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(platonischen) Freundin B****
Am 27.3.1997 berichtete die Mutter, dass die Transsexualität des
Exploranden für sie im Nachhinein viele Fragen in der Entwicklung ihres
Kindes beantwortet habe. Ihr sei nachträglich aufgefallen, dass die
Tochter bereits im Alter von 4-6 Jahren wiederholt geäußert habe,
,,sie sei ein Junge, nicht dass sie ein Junge werden wolle". Die weitere
Kindheit sei in ihren Augen unauffällig verlaufen, bis hin zur Pubertät,
während der erkennbar wurde, wie sehr der Explorand unter der Menstruation
und dem Wachstum der Brüste gelitten habe. Für sie sei dabei auffällig
gewesen, dass der Explorand durch die geduckte Körperhaltung versucht
habe, die Brüste zu verbergen. Ihr sei es damals nicht begreiflich gewesen,
warum sich kein weiblicher Stolz auf den Körper entwickeln konnte. Während
der Pubertät habe es dann diverse Streitigkeiten, speziell mit dem Vater
gegeben. Der Explorand sei patzig und unausgeglichen gewesen. Zu langfristigen
stabilen (heterosexuellen) Beziehungen sei es in der Pubertät und Adoleszenz
nicht gekommen. Erst als sich Herr M. den Eltern gegenüber als transsexuell
outete, habe es einen entscheidenden Durchbruch in der Gestaltung der gemeinsamen
Beziehung gegeben. Seitdem sei das Verhältnis wesentlich vertrauensvoller
und offener, Probleme könnten thematisiert und gelöst werden. Die
Mutter beschreibt die Änderung im Verhalten des Exploranden nach seinem
17
Wechsel in das männliche Geschlecht als frappant: Er sei weitaus emotional
stabiler, konfliktfähiger und weniger depressiv. Sie würde das Begehren
ihres Sohnes bezüglich der Vornamensänderung und spätere Operation
vollständig unterstützen. Die Homosexualität des Sohnes sei für
sie dabei kein wesentliches Problem. Die Ehe des Exploranden sei zudem weitaus
mehr aus einer emotionalen als auf einer körperlichen Bindung entstanden.
Sie würde verstehen, wenn sich der Ehemann der jetzigen Entwicklung nicht
anschließen könne, würde es jedoch im Hinblick auf ihren Sohn
bedauern. Im gesamten familiären Umfeld lebe N**** seine Transsexualität
voll aus und sei als Mann akzeptiert. Anfangs habe es dabei gewisse Befremdlichkeiten
gegeben, die durch das offene und überzeugte Aufireten ihres Sohnes gemildert
werden konnten. Auch sie selbst wurde den Exploranden seit mehreren Jahren als
Sohn und nicht mehr als Tochter begreifen.
B**** erzählte, dass Herr M. bereits während der Kindheit,
als sie ihn kennenlernte, einen sozialen Außenseiterstatus hatte. Er habe
sich eher immer wie ein Junge benommen, habe besonderes Interesse an einer männlichen
Peer-Group gehabt und intensiv Fußball gespielt. Auch während der
gemeinsam durchlebten Pubertät habe er sich nie ,,weibisch" verhalten,
sondern dieses
18
Verhalten konsequent und vehement abgelehnt. Die sexuelle Ausrichtung sei
immer klar auf Männer bezogen gewesen. Im Rahmen der weiteren psychosexuellen
Entwicklung habe Herr M. während des Alters von ca. 15-17 Jahren häufiger
im alkoholisierten Zustand kurzfristige Verhältnisse mit Männern gehabt.
Als Herr M. sich B*** gegenüber als transsexuell outete, habe sie dieses
nicht als befremdend, sondern als für seine Andersartigkeit erklärend
empfunden. Seit nunmehr ca. 2,5 Jahren lebe Herr M. auch in seinem sozialen
Freundeskreis als eindeutig männlich und werde dort ebenso akzeptiert.
Seine sexuelle Appetenz sei auf langhaarige und etwas kindlich und weich wirkende
Männer bezogen. Dabei würde es sich nach ihrer Aussage nicht um explizit
androgyne, sondern ihrer Meinung nach um eindeutig männliche Personen handeln.
Dr. Fingscheidt der Universitätsklinik Lübeck betonte weiterhin,
dass Herr M. seit der hormonellen Behandlung deutlich ausgeglichener und
affektstabiler sei. Nach seinem Eindruck profitiere der Explorand sowohl von
der Psychotherapie wie auch von der somatischen hormonellen Angleichung.
19
Verhalten in der Exploration und Verlauf während des Begutachtungsprozesses
Zunächst gestaltete sich die Terminvereinbarung mit Herrn M. schwierig,
da die Informationsübermittlung über sein Elternhaus nicht funktionierte.
Nach mehreren Anläufen gelang es uns aber doch, einen Kontakt zu Herrn
M. herzustellen. Er erschien jeweils nut betont männlicher Kleidung, die
in einem gewissen Kontrast zu seinem schulterlangen, schwarzgefärbten Haar
stand. Mimik, Gestik, Habitus und Sprachführung wirkten männlich bis
androgyn. Die Stimmung war anfangs mißtrauisch, was sich nach mehreren
Stunden Exploration legte. Teilweise reagierte Herr M. leicht unangemessen flapsig,
drückte sich in einer etwas vulgären Wortwahl aus. In der Kommunikation
war der Explorand freundlich zugewandt, machte dabei einen offenen und gesprächsbereiten
Eindruck, obwohl gelegentlich der Eindruck entstand, dass Herr M. problembeladenen
Bereichen auswich. Bei den weiterführenden Untersuchungen (testpsychologisch
und somatisch) kooperierte er erst nach ausführlicher Erklärung.
Die Entwicklung des Transsexualismus erschien sowohl eigen- wie auch
20
fremdananinestisch weitgehend konsistent. Wir thematisierten ausführlich
mit Herrn M., dass er als androphiler Transsexueller (d.h. auf Männer
orientiert homosexuell lebend) besonderen Schwierigkeiten ausgesetzt sein wird.
Aktuell gibt er an, sich zunächst die ohne Zweifel schmerzhaften (durch
das Abbinden) Mammae entfernen lassen zu wollen und sich mit dem Anlegen einer
Phalloplastik Zeit zu lassen. Hierbei möchte er sich zunächst über
Operationsmöglichkeiten und Erfahrung orientieren. Wenn sich der Explorand
in der Schweiz operieren lassen möchte, entstünden erhebliche Kosten
(über 100.000,00 Franken), die nicht ohne weiteres und ohne vorherige Klärung
von der Krankenkasse übernommen werden. Es müßte hierbei überprüft
werden, ob die billigere Operation in Deutschland die gleichen Operationsergebnisse
liefern kann. Dabei wird auch weiterhin unklar bleiben, ob auch bei mehrzeitigen
Operationen mit dem Einsatz von Prothesen in den Neo-Penis eine Erektionsfähigkeit
möglich .sein wird. Aktuell scheint es zweifelhaft, dass eine Rigidität,
die ausreicht, um aktiven Analverkehr durchführen zu können, überhaupt
ein realistisches Ziel darstellen kann.
Wir haben diesen Problemkreis ausführlich mit dem Exploranden besprochen
und ihm klargemacht, dass wir zur Operationsindikation in diesem Gutachten
21
nicht Stellung nehmen.
Weiterhin - so haben wir unseren Standpunkt begründet - halten wir es
für sinnvoller, wenn die eventuell spätere Indikation zur Operation
von den ihn behandelnden Arzten in Lübeck gestellt wird, da diese ihn weitaus
besser kennen. Es wäre auf alle Fälle wünschenswert, die Hormonbehandlung
zunächst fortzusetzen und dann in engmaschiger psychotherapeutischer Begleitung
die verschiedenen Möglichkeiten und Grenzen der Operation in Betracht zu
ziehen. Wir haben Herrn M. ausdrücklich davor gewarnt, eine Operation in
der Schweiz durchführen zu lassen, bevor eine Kostenerstattungsbestätigung
der Krankenkasse vorliegt. Zudem ist dabei besonders zu beachten, dass
bislang die Ergebnisse bei androphil orientierten Frauen-zu-Mann-Transsexuellen
nicht erfolgversprechend verlaufen. Eine Operationsindikation könne daher
aus unserer Sicht nur in einer engen psychotherapeutischen Einbindung geschehen,
um nicht spätere Rückumwandlungsbegehren oder Verschlechterungen der
psychosozialen und psychosexuellen Situation herbeizuführen. Auch muß
im Rahmen der langfristischen Psychotherapie eine (seltene) Deviation bei einer
Frau ausgeschlossen werden, was in den Grenzen dieser Begutachtung nicht realisierbar
ist.
22
Beurteilung
Im Verlauf des Begutachtsprozesses verfestigte sich die gutachterliche Überzeugung,
dass bei A**** M****, gewünschter Vorname N****, unzweifelhaft eine
tiefgehende Störung der Geschlechtsidentität im Ausmaß eines
Transsexualismus vorliegt. Prinzipiell müssen bei allen Geschlechtsidentitätsstörungen
folgende Störungen oder krankhafte Zustände differentialdiagnostisch
abgegrenzt bzw. eingeordnet werden:
a) Psychotische Symptome mit wahnhafter Verkennung der Geschlechtswirklichkeit
für die eigene Person: Herr M. bot während des gesamten Betreuungszeitraumes
keine Anzeichen für Wahnideen oder Halluzinationen. Er war sich über
den Widerspruch zwischen körperlicher Geschlechtlichkeit und subjektiver
Geschlechtsidentität gänzlich bewußt. Der Wunsch nach Geschlechtswechsel
war in der Zeit in der Begutachtung kontinuierlich und wirkte nie wahnhaft oder
schubweise zyklisch. Ebenfalls verbanden sich mit dem Wunsch der sukzessiven
Angleichung an das andere Geschlecht keine illusionären Erwartungen bezüglich
der Möglichkeit eines völligen Neuanfanges oder der plötzlichen
Problemlösung, jedoch zur sexuellen
23
Realisierung des aktiven Analverkehrs.
b) Ein Transvestitismus, also die lustvolle Besetzung der Kleidung des Gegengeschlechts,
ließ sich bei Herrn M. ebenfalls nicht eruieren. Er trägt die männliche
Kleidung, um seinem subjektiven Geschlecht näherzukommen, nicht, um sich
sexuell zu erregen.
c) Die Frage, ob eine latente homosexuelle Orientierung, die einer transsexuellen
Problematik zu Grunde liegen kann, ist bei Herrn M. objektiv besonders schwierig
zu beantworten, kann aber subjektiv ausgeschlossen werden. Da er sich auch als
Mann zu Männern hinzugezogen fühlt, werden dort die Probleme des homosexuellen
Alltages eher auf ihn zukommen, als würde er diese als Frau mit Männern
ausleben. Trotzdem ist die androphile Orientierung derartig selten und im Verlauf
als schwer kalkulierbar anzusehen, so dass über die Prognose derzeit
keine abschließende Beurteilung möglich ist. Der Idealfall, dass
die Betreuung von androphilen Frau-zu-Mann-Transsexuellen nur in spezialisierten
psychotherapeutisch und sexualmedizinisch ausgerichteten Kliniken geschieht,
ist derzeit in Deutschland nicht realisierbar. Insofern stellt unsere Befürwortung
der sogenannten ,,Kleinen Lösung" einen Kompromiß dar, der mit
den von uns geforderten Mindeststandards nicht in allen Punkten übereinstimmt.
Da die
24
hormonelle Angleichung an das gewünschte Geschlecht bereits vor Monaten
begonnen wurde und damit irreversible Veränderungen initiierte, wäre
eine längere (sexualmedizinische) Betreuung, die bei diesem komplexen und
schwer abschätzbaren Fall von Nöten gewesen wäre, verspätet.
Andererseits ist die psychotherapeutische Einbindung an der Univ.-Klinik Lübeck
und die dortige endokrinologische Abklärung weitaus sorgsamer durchgeführt
worden, als es uns in anderen Fällen begegnet. Diese Konstellation führt
dazu, dass wir die Vornamensänderunzug trotz der schwer abschätzbaren
Prognose bejahen.
Dabei ist zu beachten, dass es sich bei den androphilen Frau-zu-MannTranzussexuellen
um eine statistische Minderheit mit unsicherer Prognose handelt, da die wenigen
beschriebenen Fälle anzudrophiler Frau-zu-Mann-Transsexueller in der Literatur
häufig einen negativen Verlauf nahmen. Für das weiterführende
Umwandlungsbegehren des Exploranden spricht die gute soziale, psychotherapeutische
und medizinische Einbindung. Sowohl die Eltern, wie auch das soziale Umfeld
des Herrn M. scheinen seinen weiteren Lebensweg zu unterstützen. Die psychotherapeutische
Begleitung und medizinische Abklärung in der Universitätsklinik Lübeck
wurde sorgfältig und sachgerecht durchgeführt. Ein erschwerender Faktor
ist die derzeit bestehende Ehe von Herrn M., die er
25
**** **** **** **** zur Zeit nicht beenden mag. Insofern käme nach derzeit
geltendem Recht eine Personenstandsänderung nicht in Frage, solange der
Expiorand noch verheiratet ist. Weiterhin steht der Explorand vor der schwierigen
Situation, sich mit den derzeit möglichen und gängigen Operationsmethoden
zur Schaffung eines Neo-Penis auseinanderzusetzen. Ob es möglich sein wird,
auch mit modernen Operationsmethoden einen Neo-Penis anzulegen, dessen Rigidität
für aktiven Analverkehr ausreichend ist, ist unklar.
d) Auch wenn Herr M. eine gewisse Bereitschaft des psychodynamischen Agierens
zeigte und gelegentlich mit spaltenden Abwehrmechanismen reagierte, fand sich
in unserer Exploration kein ernstlicher Anhaltspunkt für eine Störung
aus dem Formenkreis der Borderline-Symptomatik. Hierbei ist darauf zu achten,
dass diese Diagnose auch erst nach längeren Explorations- und Betreuungszeiten
gestellt werden kann. Auch in der psychologischen Testung waren keine Anhaltspunkte
für eine Borderline-Symptomatik zu finden.
26
Zusammenfassung:
Die in dem Gutachtenauftrag gestellten Fragen sind aus sexualmedizinischer
Sicht wie folgt zu beantworten:
1. Bei A**** M**** bzw. **** N**** liegt eine Geschlechtsidentitätsstörung
vom Ausmaß eines Frau-zu-Mann-Transsexualismus vor. Ein Sonderfall ist
hierbei, dass es sich nach erwünschter operativer Angleichung um eine
homosexuelle, d.h. androphile Orientierung handelt, er also an homosexuellen
Männern als Partnern interessiert ist.
2. Herr M. steht eigenen Angaben zufolge und nach fremdananinestischer Überprüfüng
seit mindestens 2 Jahren unter dem Zwang, seinem Empfinden von sich selbst als
Mann gemäß zu leben. Verifizieren läßt sich die durch
die im Dezember 1995 begonnene psychotherapeutische Begleitung an der Psychiatrischen
Universitäts-Poliklinik zu Lübeck. Da seit Dezember 1995 noch keine
vollständigen 2 Jahre vergangen sind, wäre auf alle Fälle anzuraten,
mit weiteren Interventionen bis zum Ende dieses Jahres abzuwarten. Fremdananinestische
Angaben der Mutter und der langjährigen Freundin B**** bestätigen
jedoch die transsexuelle Ausrichtung des Exploranden lange über
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den Zeitraum von 2 Jahren hinweg.
3. Seit den Mitte 1996 durchgeführten Testosteron-Injektionen ist nach
Aussage der behandelnden Ärzte eine deutliche Besserung und psychische
Stabilisierung des Exploranden aufgetreten. Auch er selber gibt an, eine deutliche
Besserung seines Selbstwertbefindens dadurch erreicht zu haben. Die Hormone
dürften bis dato irreversible Veränderungen hervorgerufen haben.
4. Die Wahrscheinlichkeit, mit der davon auszugehen ist, dass sich diese
männliche Geschlechtsidentität bei Herrn M. in Zukunft nicht mehr
ändern wird, ist hoch, obwohl uns aufgrund der nur unzureichend vorliegenden
empirischen Daten zur androphilen Frau-zu-Mann-Transsexualität keine weiterreichenden
und wissenschaftlich fundierten Aussagen möglich sind. Daher ist es bei
aller Vorsicht, mit der generell prognostische Voraussagen zu betrachten sind,
sinnvoll, die psychotherapeutische Begleitung fortzuführen und dann eventuell
im Winter 1997 weitere Schritte einzuleiten. Deutlich erschwerend ist die androphile
Orientierung von Herrn M. zu bewerten, die zumindest in der (raren) Literatur
ein prognostisch ungünstiges Kriterium darstellt.
Da die androphile Orientierung in der Literatur bei Frau-zu-Mann-
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Transsexuellen selten beschrieben wird, müssen die sonst üblichen
positiven prognostischen Aussagen über genuine, gynäphile Frau-zu-Mann-Transsexuelle
hier relativiert werden.
Günstig hingegen wird sich die stabile soziale Einbindung des Exploranden
auswirken können. Die Wahrscheinlichkeit, die männliche Geschlechtsidentität
nicht mehr zu ändern, ist in Kombination mit der bereits begonnenen hormonellen
Angleichung ausreichend, um eine Vornamensänderung gemäß §1
TSG gutachterlich gerechtfertigt erscheinen zu lassen.
5. In diesem Gutachten wird zur Operationsindikation nicht Stellung genommen.
Wir finden es sinnvoll, wenn die den Exploranden langfristig betreuenden Ärzte
(Dres. Hill und Fingscheidt der Universitätsklinik Lübeck) diese Indikation
zu gegebenem Zeitpunkt stellen würden. Hierbei müßten die möglichen
Operationsergebnisse und der dafür notwendige Ressourceneinsatz vorher
nachdrücklich diskutiert und bestmöglich mit der Krankenkasse abgesprochen
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werden, sowie bei dem seltenen Krankheitsbild eine weitere prognostische Abwägung
geschehen, um Rückumwandlungsbegehren oder Suizide zu verhindern.
(Unterschrift)
Univ. -Prof. Dr. Dr. Wille
(Unterschrift)
Dr. med. M.S.P. Ziemert
30
Kopie
KLINIKUM DER CHRISTIAN-ALBRECHTS-UNIVERSTÄT ZU KIEL
Sexualmedizinische Forschungs-
und Beratungsstelle
Leiter: Prof. Dr. med. Dr. jur. R. Wille
Arnold-Heller-Straße 12
24105 2300 Kiel 1
Telefon (0431)597/3650
FAX-Nr.: (0431) 597-3984
24105 Kiel
An das 16. April. 1997/Ap
Amtsgericht Kiel
Deliusstr. 22
Gerichtshaus
24114 Kiel
Betr: Personenstandssache A**** M****
Az: ****
Rechnung
| Beiholung und Auswertung ärztlicher Unterlagen | 2 Stunden a 100 = | 200,00 DM |
| Exploration | 8 Stunden a 100 = | 800,00DM |
| Testpsychologie | 3 Stunden a' 100 = | 300,00 DM |
| Abfassung des Gutachtens | 8 Stunden a 100 = | 800,00 DM |
| Diktat und Korrektur | 1 Stunde a 100 = | 100,00 DM |
| Schreibgebühren und Kopien | 30 Seiten a 6 = | 180,00 DM |
| 2380,00 DM |
Überweisung bitte auf das Konto Nr.22 51 31 (BLZ 210 501 70) Sparkasse
Kiel, Lorentzendamm
(Unterschrift)
Univ. -Prof. Dr, med. Dr. jur. R. Wille
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