Henrik's Tagebuch - 16. November 2002: Rückblick über das letzte 3/4 Jahr
So,
das war jetzt eine lange Zeit ohne Tagebucheinträge. Einerseits kam ich
nicht dazu, andererseits tat sich auf hormonellem Gebiet nur relativ wenig.
Aber es tat sich was.
Die erste Brust-OP verlief ganz gut. Ich wachte zwar
nach der OP auf und mir war schlecht wie selten zuvor, aber zum Glück
gaben mir die Schwestern ein Mittel wodurch es dann auch besser wurde. Schmerzmittel
brauchte ich bei dieser OP keine - am ersten Tag wirkte wohl noch die Narkose
nach, und danach schwebte ich nur noch :-) Das Ergebnis ist so, wie ich es
erwartet hatte: sehr viel weniger als zuvor, jedoch da nur die Brustdrüse
und nur wenig Fett und Haut entfernt wurden, ist noch reichlich "weibliches
Material" vorhanden. Nachdem die Schwellung zurückgegangen ist und sämtliche
feste Stellen verschwunden, schaut es für mich nun nach Körbchengröße
A aus. Leider reicht das aber nicht aus, um unbesorgt Schwimmen zu gehen,
mindestens eine OP ist noch nötig.
Die gynäkologische OP verlief nicht ganz so, wie
ich es mir vorgestellt hatte. Angefangen hat es damit, dass ich davon ausgegangen
war, dass die Frauenklinik schon durch Dr. Müller Bescheid wusste und
etwa eine Woche nach der Brust-OP die Gyn folgen würde. Nun ja, wenn
ich nicht bei der ersten Visite nachgefragt hätte, säße ich
wahrscheinlich immer noch da... Blöd war auch, dass ich in einem 5er-Männerzimmer
lag (was ja an sich nicht schlecht ist - immer gute Stimmung!), die Ärzte
jedoch entweder nicht mitdachten oder aber es ihnen schlichtweg egal ist -
jedenfalls tönten sie in voller Lautstärke mehrmals vor meinen Zimmerkollegen
rum, dass doch endlich ein Termin mit der Frauenklinik ausgemacht werden soll
blablabla. War echt der Renner - wie erkläre ich einem ahnungslosen Cismann,
was ein Mann in der Frauenklinik zu schaffen hat? Danke, liebe Ärzte!
Die OP selbst verlief auch nicht ideal - geplant und
abgesprochen war die lapraskopische Entfernug der Eierstöcke (also zwei
kleine Schnitte in der Bauchdecke plus einer im Nabel für die Kamera/Licht)
und dann die Gebährmutter durch die Vagina durch - tja, sie probierten
es auch, aber eine nicht einfach zu stillende Blutung zwang sie dazu, mir
doch einen großen Schnitt quer rüber zu machen. Somit darf ich
mich seitdem als Inhaber einer 21 Zentimeter langen Narbe in meiner Bauchfalte
ansehen.
Die Schmerzbehandlung danach war meiner Meinung nach
optimal: ich bekam ein Schmerzpumpe angeschlossen mit einer riesigen Pulle
Schmerzmittel - wenn ich zu starke Schmerzen hatte, durfte ich auf einen Knopf
drücken und ein wenig von dem Mittel floss durch meine Nadel in der Hand.
Somit konnte ich das selbst dosieren. Überdosieren konnte ich damit nicht,
da eine Sperre von mehreren Minuten eingebaut war. Aufstehen war eine Qual,
auch nach der Entlassung aus der Klinik - ich kompensierte es dadurch, dass
ich die ersten Wochen auf der Couch schlief, die wesentlich höher ist
als unser Bett.
Nach der gynäkologischen OP, bei der ja die Eierstöcke,
die Eileiter und die Gebährmutter samt Gebährmutterhals entfernt
wurden, konnte ich mehrere Dinge beobachten, welche ich nur auf diese OP zurückführen
kann:
In den ersten Nächten schwankte ich immer wieder
zwischen Schweißausbrüchen und Schüttelfrost. Kann sein, dass
es durch die Narkose ausgelöst wurde, kann aber auch sein, dass mein
Körper auf die fehlenden Hormone aus den Eierstöcken reagierte.
Als ich wieder anfing, mich selbst zu befriedigen (ist
schwierig, da einem sowohl die Brustmuskeln derart weh tun, dass man nicht
voll bewegungsfähig ist, und einem andererseits auch die Bauchmuskeln
den Dienst versagen), stellte ich fest, dass die Orgasmen nicht mehr ganz
so bombastisch sind wie zuvor. Genauer gesagt: die Orgasmen fühlen sich
oberflächlich, auf die Klitoris beschränkt an, nicht so wie früher,
dass mein ganzes Becken mit einbezogen war. Erst dachte ich, das sei noch
auf die eben angesprochene vorsichtige Bewegung div. Muskelpartien zurückzuführen.
Doch jetzt haben wir ein dreiviertel Jahr danach, ich bin wieder voll einsatzfähig,
aber das Gefühl will sich immer noch nicht einstellen. Gründe? Ich
kann nur spekulieren. Entweder wurde ein Nerv durchtrennt (glaube ich nicht,
es fühlt sich nichts taub an) oder aber die Entfernung der Gebährmutter
und/oder des Gebährmutterhalses spielt hier mit rein. Immerhin zuckt
der Muttermund bei einem Orgasmus auch ganz gut durch die Gegend (wie man
genügend oft bei "Liebe Sünde" oder "Wahre Liebe" im Fernsehen beobachten
kann).
Wenn ich es nochmal machen lassen würde, würde
ich mir gut überlegen, was ich entfernen lasse - ob es nicht doch reicht,
nur die Eierstöcke zu entfernen. Zur Krebsvorsorge sollte man ja eh,
ob mit oder ohne Gebährmutter...
Die Nachsorge der OPs erledigte mein Hausarzt - zum
Glück entzündete sich keine der Narben. Bereits aus dem Krankenhaus
wurde ich ohne Druckverband entlassen - er war lediglich nötig gewesen,
um das Gewebe nicht zu sehr anschwellen zu lassen. Einen Bolero, wie er bei
anderen Ärzten verwendet wird, wurde nicht angefertigt.
Die Bauchnarbe war mit einem selbstauflösenden
Faden genäht, die an der Brustwarze wurden in der Klinik während
meines Aufenthaltes für die Gyn nach etwa 10 Tagen entfernt. Danach kam
nur noch reichlich Bepanthensalbe drauf, jeweils mit einem Gazestück
und einem Stretchpflaster abgedeckt. Bei der Bauchnarbe trug mein Hausarzt
einmal ein gelbliches Pulver auf, welches in etwa die gleiche Aufgabe hatte
wie die Salbe, jedoch trocken war, was dieser Wunde in der Bauchfalte gut
tat. Die Narben an der Brustwarze sind nur noch sichtbar wenn man es weiss,
die Narbe am Bauch ist rosa, aber sichtbar. Leider ist an der Brust das Gewebe
nicht gleichmässig entfernt worden (klar, logisch), so dass im Bereich
der Brustwarzen alles ein wenig nach innen geht, und auch sonst alles sehr
vorläufig und auf keinen Fall anatomisch korrekt aussieht. Als Biertitten
gehen die Dinger jedenfalls nicht durch. Es reicht jedoch, dass ich ohne Binder
ins Hemd schlüpfen kann - eine Wohltat!
Mein Hormonhaushalt hat sich mittlerweile auch wieder
eingependelt. Ich suchte einige Wochen nach der OP das Max-Planck-Institut
auf, wo mich ein Dr. Schneider betreute. Wegen der Hämotokrit-Werte,
welche bis zur OP Sorgen bereiteten, setzen wir die Abstände der Spritzen
auf 3 Wochen fest. Demnächst sollte ich wieder dort auftauchen - mal
schauen, ob es was genutzt hat. Die Stimmungsschwankungen, welche ich während
der leichten Überdosierung nicht mehr feststellen konnte, sind aber wieder
da - nach der Spritze erst leichte Aggressivität/Gereiztheit, dann starke
Libido, nach etwa 1 1/2 Wochen "Normalzustand" und zum Ende der drei Wochen
hin Niedergeschlagenheit, Kraftlosigkeit, Antriebslosigkeit. Ich bin nicht
begeistert davon und denke, dass man das auf die Dauer anders anpacken muss.
Vielleicht doch mal Hormonpflaster ausprobieren?
Derzeit bemühe ich mich, endlich einen Termin
für die zweite Brust-OP zu bekommen. Im Juli wäre es eigentlich
schon soweit gewesen - ich hatte Urlaub genommen, um für den CSD in Köln
und in München Zeit zu haben. In den Tagen dazwischen sollte die OP stattfinden.
Machbar wäre es gewesen, indem ich Montag morgens anrücke und gleich
operiert werde und bis zum Freitag genügend Zeit für die Erholung
gehabt hätte. Leider wartete ich am Montag vergeblich auf die OP - drei
andere wurden operiert, danach war nicht mehr genügend Zeit für
den Anästhesisten bzw. der OP-Saal stand nur bis zu einem gewissen Zeitpunkt
zur Verfügung. Man bot mir an, mich am Dienstag zu operieren, doch das
hätte bedeutet, dass ich am Freitag sicherlich nicht entlassen worden
wäre. Somit habe ich das abgesagt. Und der Urlaub im September war mehr
als dringend nötig, sonst hätte ich ausgetickt...
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