Henrik's Tagebuch - 3. Oktober 2006
Was
für eine lange Zeit ohne Einträge. Dabei hat sich doch einiges getan,
sowohl OP-mäßig als auch hormonell.
Die Korrektur-OP an der Brust hatte ich am 12. Mai 2003 - also etwa 1 1/4
Jahre nach der ersten OP. War die erste OP noch (rückblickend) gut verlaufen,
war die zweite OP eine in meinen Augen eine einzige Katastrophe. Dr. Müller
hatte mir im Vorgespräch zugesagt, dass es auch gehen würde, dass
man nur lokal betäubt, und ich eine Beruhigungsspritze bekommen würde.
Das war mir sehr sympathisch, weil ich bei den ersten beiden OPs die Narkose
nicht sonderlich genossen hatte. Also vereinbarten wir, dass ich nur lokal
betäubt werde und mittels Beruhigungsspritze einfach döse/durchpenne.
Ich bestand auch darauf, dass er mit im OP wäre, weil er in meinen Augen
der einzig wirklich geübte Operateur in der Klinik war. Ich bekam die
Zusage, dass er auf alle Fälle mit im OP sei.
Leider kam es anders als erwartet: Ich war als letzter an diesem Tag dran
- also erst ca. 15/16 Uhr. Da ich nur eine lokale Anästhesie bekommen
würde, durfte ich bis dahin essen und trinken. Wenigstens etwas. Unten
im OP kam dann die erste schlechte Nachricht: Dr. Müller ist erstmal
nicht dabei, wegen eines Notfalls in der Orthopädie (wahrscheinlich musste
er mal wieder einen abgesägten Finger annähen); Dr. Müller
würde aber im Laufe der OP dazustoßen. Das passte mir zwar nicht
wirklich, aber wenn Dr. Müller noch dazukommt, wäre es ja nur halb
so schlimm. Leider kam er nicht mehr dazu, sondern schaute nur kurz zur Tür
rein und verabschiedete sich in den Feierabend.
Statt dessen operierten 4 andere, mehr oder weniger geübte plastische
Chirurgen an mir herum. Ich bekam alles mit, weil ich nur die lokale Anästhesie
bekam, aber keine Beruhigungsspritze/tablette oder ähnliches. Sobald
das erste Blut an der Seite runterlief ging bei mir im Kopf voll der Film
ab und mir wurde schlecht. Nach ein wenig Beinehochlagern ging's aber wieder.
Es war ein komisches Gefühl, dass da an meiner Brust rumgezupft und gezuckelt
wurde. Manchmal, wenn die Chirurgen in einen Bereich reinschnitten, der zu
wenig von dem Betäubungsmittel abbekommen hatte, tat es weh - ich zuckte
dann gleich immer zurück (aber nicht viel, war ja angeschnallt) und sagte
es auch. Für die Operateure war es anfangs ein kleines Rätsel, warum
ich trotz mehrfachem Nachspritzens immer noch was spüre, aber nach einiger
Zeit kam die Lösung: im alten OP-Gebiet war innerlich ziemlich viel vernarbt
(evtl. auch vom Abbinden früher), und durch das narbige Gewebe verteilte
sich das Anästetikum nicht richtig. Zudem taten sich die Ärzte dadurch
auch mit dem Schneiden schwer.
Ich weiß nicht, woran es letzten Endes lag: an der schweren Schneidbarkeit
wg. der starken Vernarbung, an dem ständigen Zurückzucken meinerseits,
an der in meinen Augen doch relativen Ungeübtheit der Chirurgen oder
was auch immer: Das Ergebnis dieser Korrektur-OP war längst nicht so
schön wie das der ersten Operation. Zum einen hatte ich subjektiv gesehen
immer noch zuviel "Material" in der Brust, sowohl was Fettgewebe
als auch Drüsengewebe anbelangt. Zum anderen starb in den folgenden 48
Stunden meine linke Brustwarze beinahe ab und die Naht ging ein wenig auf
- was von Dr. Müller bei einer ambulanten Sprechstunde mit einem lapidaren
"Ach... das ist nur eine kleine Wundheilungsstörung" abgetan
wurde. Zudem wurden tiefe Falten und Einschnürungen produziert, die es
mir nicht mehr ermöglichen, zum Schwimmen zu gehen. :-(
Ich bin immer noch enttäuscht von der Art der Behandlung und dem schlechten
Verlauf dieser "Korrektur", so dass ich im Moment keinem Operateur
über den Weg traue. Verschiedene andere Transmänner wurden von verschiedenen
anderen Operateuren zwischenzeitlich operiert, doch keiner dieser Operateure
hat sich über den gesamten Verlauf hinweg als absolut souverän erwiesen.
Immer wieder war von Komplikationen und "Einzelfällen" die
Rede. Bei 4 oder 5 "Einzelfällen" in Folge kann ich aber kein
Vertrauen mehr aufbauen, sorry...
Die Korrektur-OP hatte ich zum Anlass genommen, von den lästigen Testoviron-Spritzen
weg zu kommen. Ich wechselte zu Testogel 50mg. Eine Probepackung hatte ich
im Max-Planck-Institut bekommen, alle folgenden Packungen dann normal von
meinem Hausarzt. Es gefällt mir, dass ich damit unabhängiger bin:
ich brauche nicht zum Arzt gehen, wenn ich wieder Testo brauche, sondern ich
bin mir selbst gegenüber verantwortlich, wann und wieviel Testo ich auf
die Haut auftrage. Klar - ich trage wie empfohlen täglich und morgens
ein Beutelchen auf. Aber ich habe das Gefühl, dass ich auch anders könnte,
wenn ich wollte :-)
Meine Körperbehaarung ist eindeutig männlich: Haare an den Beinen,
Haare an den Armen, Haare auf der Brust, Haare auf dem Rücken - und immer
weniger Haare auf dem Kopf. Schiet Genetik, kann ich da nur sagen. Meine Onkel
und Cousins sind alle so gut wie glatzköpfig. Das wird mich zumindest
teilweise auch ereilen, fürchte ich. Ein halbes Jahr lang kämpfte
ich mittels "Propecia (R)" dagegen an, aber das wurde mir dann auf
die Dauer zu teuer.
Beim Bartwuchs tut sich immer noch was. Um's Kinn herum, also dort. wo zuerst
der Bartwuchs anfing, könnte ich mir wahrscheinlich einen Bart wachsen
lassen. Doch an den Backen ist's meiner Meinung nach noch zu dünn. Oder
ich bilde mir das nur ein, damit ich immer rasieren darf :-) An der Oberlippe
kommt auch endlich wirklicher Bart, aber immer noch nicht genügend für
einen anständigen Schnauzer. In der Mitte ist noch nichts, nur an der
Seite.
Leider ist der Bart auch wie der Rest von mir auch eher blond / dunkelblond,
so dass ich auch da noch einen Nachteil habe.
Die Libido hat sich auf ein normales Maß wieder eingependelt, ebenso
die von mir mal befürchtete "Aggression". Mittlerweile bin
ich wieder eher ausgeglichen. Nur manchmal, wenn mir einer blöd kommt,
raste ich innerlich aus und würde demjenigen am liebsten in die Fresse
hauen. Solche Gedanken kannte ich vorher nicht, da habe ich mich eher in Selbstvorwürfen
oder Opfer-spielen verkrochen. Aber keine Angst: ich habe noch keinem in Wirklichkeit
eins auf die Schnauze gegeben - die meisten halten mich für sehr ausgeglichen...
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