Henrik's Tagebuch - 4. April 2002 - Jippiee! Meine erste Spritze!
Jippieeeee! Heute morgen um 9.15 Uhr war es soweit!
Meine erste Testo-Spritze! Jeah! Jeah! Jeah!
Letzte Woche war ich mal wieder beim Psychotherapeuten.
Er hat auch nachgefragt, wie oft ich jetzt zum Gutachter gehe, und ob ich
mich mit ihm vertrage. Klar tue ich das, und ja, ich vertrage mich gut mit
ihm. "Und nächste Woche werde ich mich hoffentlich noch besser verstehen!"
- "Warum denn?" - "Na, weil ich dann endlich mein Testo haben will, sonst
drehe ich noch durch! Noch einen Monat dranhängen halte ich nicht mehr
aus!" - Grinsen vom Therapeuten "Da würde ich mir keine Sorgen machen..."
Nach diesem Gespräch war ich ziemlich sicher, dass
ich am Dienstag Morgen meine heissersehnte Spritze bekommen würde - aber
kleine Zweifel waren noch da.
Heute früh ging ich eigentlich wie ganz normal
aus dem Haus. Keine Aufregung, kein spezielles Hochgefühl, kein transzendenter
Astralkörper... Ich musste nur eine halbe Stunde warten, bis mich die
Sprechstundenhilfe mit "Frau Haas, bitte!" (ich hätte sie auf der Stelle
töten können) ins Sprechzimmer beförderte. Das Fenster stand
offen, der Hinterhof leuchtete in der Morgensonne, der strahlend blaue Himmel
war einfach eine Pracht. Und der Gutachter war gut drauf.
Wir hatten einen echten Smalltalk über das gute
Wetter, dann über Psychotherapie im Alter. Danach stand er auf, wollte
mich verabschieden. Ich konstant sitzen geblieben, grinste ihn an, meinte
"das halbe Jahr ist jetzt um!"... Und er grinste ein Grinsen, so breit wie
der Ganges.
Nachdem anscheinend klar war, dass der Gutachter schon
seit geraumer Zeit davon überzeugt war, dass ich 100%ig ein Mann bin,
wollte er nur noch das halbe Jahr abwarten - um seinen ganz persönlichen
zehn Geboten der "Standards of Care" zu folgen. Ist zwar überflüssig
wie ein Kropf, aber er hält daran fest.
Na, jedenfalls bekam die Sprechstundenhilfe die Anweisung
mir 250er Testoviron zu spritzen. Kleine Gegenwehr von mir: "Ich dachte, dass
man mit 100ern anfängt?" - "Nicht kleckern - klotzen!" war seine lapidare
Antwort und schon war der nächste Patient im Zimmer und ich stand auf
dem Flur.
Leider war in der Praxis kein Testoviron mehr vorrätig.
Also bekam ich das Rezept in die Hand gedrückt und sollte erst einmal
in der nächsten Apotheke einkaufen gehen.
Mittlerweile hatte ich ganz schön Hunger bekommen.
Ich war ja fast ohne was im Magen aus dem Haus gegangen. Also machte ich für
eine halbe Stunde Zwischenstation in der nächsten Bäckerei und genehmigte
mir einen Milchkaffee und ein Croissant.
In der Apotheke holte ich nicht nur das Testoviron (warum
bloss brauchte die Tusse so lange? die hat fast 5 Min nach dem Zeugs gesucht!),
sondern auch gleich noch Calcium-Brausetabletten - wegen der drohenden Osteoporose.
Ich habe zwar keine Knochendichtemessung machen lassen, aber wenn ich mir
so meine weibliche Verwandtschaft angucke, dann dürfte ich mindestens
gefährdet sein.
In der Praxis wieder angekommen - es war genau 9.15
Uhr - wurde ich in ein kleines Zimmer geführt. Hinter einem Mauervorsprung
schauten die Beine eines anderen Patienten raus, davor eine Arzthelferin mit
einem Messgerät. Abwartend stellte ich mich mitten in den Raum. Die will
mir doch das Dings nicht etwa so zwischen Tür und Angel verpassen? Doch,
wollte sie. Ich machte meine rechte Pobacke frei, so dass sie gerade mal eine
freie Stelle finden konnte, und schon spürte ich das kalte Desinfektionsmittel.
Wisch, wisch, und schon war die Nadel drin. Es piekte, aber nicht schlimm,
und nach 10 Sekunden war alles vorbei. Hose hoch, fertig. In genau zwei Wochen
darf ich wieder kommen, dann die gleiche Prozedur noch einmal. Die restlichen
Ampullen, die ich in der Apotheke geholt habe, nahm ich lieber mit - was mir
gehört, gebe ich nicht so schnell her, schon gar nicht, wenn's mein Testo
ist.
Auf dem Nachhauseweg wurde ich richtig euphorisch.
Zuerst gut gelaunt, dann dachte ich mir bei jedem Typen, der mir gefiel: "ich
kriege Euch alle!", und als ich in meinem Viertel ständig Leute sah,
die ich zumindest vom Sehen her kenne, wollte ich es sogar jedem am liebsten
erzählen. Habe ich doch nicht gemacht, denn der erste war mein Herzchen
Roland - am Telefon. Sein trockener Kommetar: "Na, das wird ja dann ein heisser
Sommer!"
Eigentlich wollte ich mich noch ein oder zwei Stunden
aufs Ohr legen - so früh aufstehen ist nichts für mich. Aber ich
war einfach zu aufgekratzt. Ständig fingerte ich an die Einstichstelle,
auf der Suche nach irgendwelchen Schmerzen. Nichts. Gut so, dann hat die Tusse
wahrscheinlich richtig gestochen.
Also setzte ich mich an den Compu und schrieb ein paar
euphorische Mails an meine Freunde.
Nachmittags fing mich der Alltagstrott wieder ein -
Job in der Bibliothek. War aber gut so, denn sonst wäre ich noch ganz
abgehoben.
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