Grüppchen, Gurus und Gezeter


oder

über die normative Kraft des Egos

Aus gegebenem Anlaß einige Gedanken zu Selbsthilfegruppen, Stammtischen, Vereinen und Vereinigungen und verwandten Katastrophen

Da in letzter Zeit mal wieder gehäuft von irgendwelche lokalen Problemen, Konkurrenzkämpfen, Verleumdungsaktionen usw. die Rede war - nicht zu vergessen die fantastische Tatsache, dass im Oktober '99 gleich DREI Gruppen eine (mehr-oder-weniger-) Großveranstaltung meinten durchziehen zu müssen - diese meine kurzen Gedanken zum Thema. Vielleicht kommt ja das eine oder andere dem einen oder anderen aus Expeditionen in den Dschungel vor der Haustüre bekannt vor; und das nächste Mal kann er vielleicht ein bischen besser abschätzen, was da grade abläuft. Aber vor allem für diejenigen, die sich ärgern, dass es in ihrer Gegend nix gibt, die sich aber, da man ja viel Dummes hört, nicht trauen, selber was aufzuziehen, ist es als Ermutigung gedacht - wenn man die Problemchen, die andere hatten, kennt, muß man sie ja nicht nochmal machen.


*Eigentlich* ist ja alles ganz einfach - einige Leute haben das selbe oder ein ähnliches Problem, und weil geteiltes Leid halbes Leid ist, setzt man sich zusammen. Dabei kommt als Bonus nicht nur ein üblicherweise brauchbarer Informationsfluß zustande, sondern oft stellt man dann auch fest, dass man zusammen tatsächlich da etwas erreichen kann, wo es alleine ein Problem ist.

Soweit die Theorie. Nun zur Praxis.

In der Praxis weiß man zwar oft, oder vermutet es, dass es noch andere Leute geben muß, die das Spiel kenne müssen (und dabei ist es egal, ob das nun T* ist oder was auch immer), aber kennen tut man wenige oder keinen. Oder man kennt einen oder ein paar, aber der Informationsunterschied ist so gering, dass man nach zwei oder drei Treffen schon mit den Wiederholungen anfängt. Bestehen dann keine weiteren persönlichen Bindungen untereinander, war's das.

Ergo braucht es erst einmal einen Trommler, der - wie auch immer - eine kritische Masse an Leuten zusammenbekommt. Diese dürfte so zwischen fünf und zehn liegen, das variiert aber sehr nach den beteiligten Persönlichkeiten. (Möglichkeiten hier u.a. sind das Fischen in bestehenden Gruppen - zu einer gewissen Vorsicht wird gegebenenfalls geraten - , Anzeigen und Aushänge (besser!) usw.)

Sitzt dann da lediglich ein Haufen Jammerluschen zusammen, die sich regelmäßig treffen, um sich gegenseitig darin zu bestätigen, wie furchtbar schlecht die Welt zu ihnen ist, wird diese Gruppe unter Umständen eine erstaunliche Stabilität haben - solche Grüppchen gehen oft tatsächlich erst dann zugrunde, wenn das letzte Mitglied tot oder weggezogen ist. Der praktische Nährwert einer solchen Gruppe ist aber ausgesprochen gering.

Zum einen ist der Informationsfluß meistens eher dünn - "Das haben wir schon immer so gemacht, und da mußt Du durch, da kann man eh nix machen." Zum anderen - wehe dem armen Menschen, der das gehegte und gepflegte Jammer- und Elendsnest beschmutzt mit irgendwelchen neumodischen Ideen - und das muß gar nix revolutionäres sein wie ein neuer Arzt oder das Einfordern von Rechten, nein, es reicht schon der Hinweis, dass die Welt aber irgendwie gar nicht immer ganz so schlecht sei. Das ist der einzige Zeitpunkt, wo in einer solchen Gruppe Aktivität feststellbar ist. Hat dieser Mensch Glück, fliegt er gleich achtkantig raus. Hat er Pech, kommt noch einiges hinterher (selbstverständlich hinter seinem/ihrem Rücken). Das fängt an mit "Das ist ja gar keine richtige Transe, weil..." und kann bis zu Verleumdungen und Zwangsoutungen gehen.

Ist also glaube ich kein sonderlich erstrebenswertes Örtchen. Es gibt eigentlich nur einen guten Grund, bei solchen Veranstaltungen mal vorbeizuschauen - und das ist zu checken, ob vielleicht ein Unschuldiger in eine solche Gruppe reingeraten ist, meist in dem Irrglauben, dass sei die einzige Gruppe dieser Art und es bliebe ihm/ihr gar nichts anderes übrig, als da hin zu gehen, um wenigstens ein paar Brosamen an Information und Verständnis aufzuschnappen. Was in Anbetracht des lausigen Informationsdurchflußes nach außen (also da, wo sich jemand, der sich zum ersten Mal damit befaßt, Infos versucht zu holen) auch nicht weiter verwunderlich ist. Und solange diese Infos so dermaßen schlecht zugänglich sind, bleibt den Engagierten unter uns wohl auch nix anderes übrig, als sich da auch noch drum zu kümmern.


Ist mindestens ein aktiverer Mensch unter den Zusammengetrommelten, passiert auch meist mehr als Gejammmere. Sei es, dass dieser Mensch über Informationen verfügt oder die Bereitschaft, sich diese zu besorgen, und die auch weiter verteilt, so dass die "Das haben wir schon immer so gemacht" - Lethargie gar nicht aufkommen kann, oder sei es, dass dieser Mensch kämpferisch veranlagt ist und entweder andere für seinen Kampf einzieht, oder sie in eigene Kämpfe hetzt.

Bleibt dieser Mensch unangefochtener Anführer der Gruppe, entsteht oft genug eine Guru-Gruppe. Theoretisch ist eine Gruppe mit einem perfekten Guru denkbar (so wie eine Monarchie mit einem perfekten Herrscher). Praktisch ist das nicht wesentlich wahrscheinlicher als sechs Richtige im Lotto. Und selbst da wo es so ist, brechen spätestens beim Abgang des Gurus die Probleme eine Guru-Gruppe auf (siehe unten). Denn die Chance, dass der/die NachfolgerIn ebenso perfekt ist, ist dann eben so groß wie zweimal sechs Richtige im Lotto - nicht mehr allzu groß also.

Das Problem der Guru-Gruppe? Nun, das selbe Problem, was JEDE Organisation hat, die auf einen charismatischen Führer baut. (Ich will nicht blasphemisch werden, aber das Problem des Abgangs des Führer ist in einer recht bekannten Geschichte beschrieben - der Apostelgeschichte. Und ich fürchte, auf die dortige Lösung müssen wir noch ein bißchen warten. (Ich bete ja schon jeden Tag "Oh Herr, schmeiß Hirn vom Himmel", aber hat noch nicht geklappt.))

Weist der Guru nun nicht die Qualitäten des Herren auf, der in den vier Büchern beschrieben ist, die vor der Apostelgeschichte stehen - was ziemlich wahrscheinlich ist - kommen die Probleme auch schon vor seinem/ihrem Abgang auf. Die Sache mit der Allwissenheit zum Beispiel - böse Falle! Was hat es da nicht gegeben - schlichte Falschaussagen ("Für die Namensänderung mußt Du Dich scheiden lassen."), zweifelhafte Ratschläge ("Dr. X ist der Beste!" "Und dann mußt Du dem Gutachter noch erzählen, dass ...") und Freifahrtscheine in die Katastrophe ("Transen werden eh gekündigt, besser Du kündigst gleich selber." (vielleicht noch mit dem Zusatz: "und arbeitest erst mal ein, zwei Jahre im horizontalen Gewerbe, stellt Dich eh sonst keiner ein.").

Auch die mangels Schöpfungsmacht oft ausgeübte Definitionsmacht kann katastrophal sein - wer eine richtige Transe ist, bestimmt der Guru. Beliebtestes Axiom von Gurus: Keine Transe ohne GA. Auch beliebt: Eins der beiden homophoben Axiome (geht eigentlich immer nur eins, aber ich bin sicher, dass es auch Leute gibt, die diesen Kreis schon quadriert haben). Das ist entweder 'Wenn Du Dich jemals in schwulen/lesbischen Kreisen bewegt hast, gehörst Du da auch hin' oder 'Anständige Menschen sind nicht schwul/lesbisch (hinterher).

Dann hatte der Guru auch noch ein paar kleine Täfelchen in der Tasche, als er von seinem ganz persönlichen Berg Sinai wieder herunterstieg, auf denen solche Sachen stehen wie "Androcur muß sein" "Haare müssen kurz/lang sein" "Hosen sind verboten" "Krawatten müssen sein" und so weiter und so fort. Das meiste ist Kleinkram, der aber manchmal sehr rigoros eingefordert wird. Irgendwelche Ähnlichkeiten zu den Anpassungs- und Unterwerfungsritualen und deren Folgen (bessere Führbarkeit etc.) z.B. der US-Marines oder einiger Sekten sind sicherlich nicht beabsichtigt - aber auch nicht zu leugnen.

Ist der Guru erst mal etabliert, und die Gruppe um ihn stabil, passiert genau dass, was in jeder Gruppe dieser Art passiert - rigorose Sanktionen nach innen, um den Status Quo zu halten, und Projektion der Störung nach außen. Wobei der Feind entweder andere Transengruppen sind, oder die "Offiziellen". (Oder natürlich beides.)

Sind es "die anderen" Transen, freuen sich einige Offizielle, die das auch gerne unterstützen, nach dem Motto "Teile und Herrsche". Auf jeden Fall erschweren wir es uns so erfolgreich selber, jemals etwas zu erreichen. Im besten Falle ist es nur dämlich - wie jetzt im Oktober drei Transentreffen in vier Wochen.
Dumm ist auch, wenn zum Beispiel die Aufforderung, Fälle zu sammeln, im Papierkorb anderer Gruppen landet, weil "man mit denen nix zu tun hat". Oder offen sabotiert wird, indem man sich versucht, mit einigen Experten gut zu stellen, die dann auch noch behaupten können, dass man sich schließlich mit den Transen abgesprochen habe.

Und die "Offiziellen" generell zum Feind zu erklären kann auch ausgesprochen dämlich sein. Zwar ist es nicht so, dass es da nicht ein paar Fälle gäbe, gegen die dringend mal was unternommen werden müßte - aber die Ressourcen der einzelnen Gruppen reichen, wenn es hoch kommt, grade mal für ein Gerichtsverfahren, wenn überhaupt. Darüber hinaus mal was zu machen ist für eine einzelne Gruppe meist ein Problem (finanziell, zu wenig Leute, zu wenig Fälle). Außerdem sind "ein paar Fälle" - so schlimm sie auch sein können - nicht alle "Offizellen". Es gibt auch durchaus ehrlich bemühte.
Was dabei rauskommt ist also höchstens, dass die Leute der Gruppe taktisch arg unklug vorgehen - also bei der KK zum Beispiel gleich mit Anwalt auftauchen, und dann werden die Angestellten dort natürlich den Teufel tun, mehr zu machen als sie müßten. Selbstverständlich ist der Guru bei solchen Problemen, die er in seiner Allweisheit vorausgesehen hat, immer gerne bereit zu helfen ...

Das klingt alles ziemlich hart. Meistens ist es aber nie so geplant gewesen, weder bewußt noch unbewußt. Es kann einfach passieren, wenn es nur einen Aktiven gibt, der erst mal alles macht, und die anderen ihn oder sie gerne machen lassen. Wenn man die ganze Arbeit macht, bekommt man auch das ganze Schulterklopfen. Vor allem wenn man dann mittlerweile zur Berufstranse geworden ist (aber keineswegs nur dann), und die Gruppe zur Hauptquelle für Schulterklopfeinheiten geworden ist, hat man natürlich Angst, das zu verlieren. Also wird man vieles - und manche alles - tun, um es zu behalten. Kommt dazu noch das - leider ziemlich häufige - Verhalten der anderen, dem Guru erst mal 100% zu vertrauen, und macht der dann mal einen Fehler, ihn gleich 100% zu verdammen, ist das sogar ganz verständlich. Was natürlich nicht heißt, dass einige Gurus und Möchtegern-Gurus nicht ein bißchen bösartiger sind als andere. Aber manche - gefallenen - Gurus können einem auch leid tun. Sie haben vielleicht Jahre ihres Lebens geopfert und tatsächlich auch viel Gutes bewirkt - nur um von Möchtegernen gekippt zu werden und ihr Lebenswerk untergehen zu sehen.

Man bedenke also immer eines: Ein Guru alleine macht noch keine Guru-Gruppe. Dazu bedarf es auch einer Menge Leute, die ihn das ganz gerne machen lassen, weil es ja so schön bequem ist.


Was braucht es also für eine funktionierende Gruppe? Es braucht eine kritische Masse an Leuten. Es braucht einen Trommler und einen Leader** (was meistens der selbe Mensch ist, aber nicht notwendigerweise). Für die Initialzündung reicht das. Für einen vernünftigen Bestand braucht es aber auch Co-Leader. Um genau zu sein, idealerweise gibt es keinen Leader, sondern eine Gruppe Co-Leader, die offen ist. Offen heißt, dass man bereit ist jedem, der auch nur halbwegs dazu in der Lage scheint, ein Stück der Verantwortung (und nicht nur der Arbeit) abzugeben, und bereit ist, demjenigen auch zu helfen, in eine Aufgabe reinzuwachsen. Jedem heißt auch, Menschen, bei denen man noch Zweifel hat, oder die man nicht so gut kennt, und nicht nur ausgewählten Jüngern.

Das mag utopisch klingen, aber die Kölner SHG beispielsweise funktioniert so, und sie ist damit so stabil, dass sie eine ausgewachsene Katastrophe als Leiter des Moderatorenteams für mehr als ein Jahr überstand (und ihn schließlich gemeinsam loswurde). (Na ja, ich weiß nicht, ob *ausgewachsen* hier das richtige Wort ist...) Es geht also. Und es funktioniert besser als eine Jammerveranstaltung oder ein Guru-Grüppchen. UND es kommt vielleicht hinten sogar was ganz fruchtbares raus. Könnte also der Mühe wert sein.

Und ich hoffe doch sehr, dass auch der TransMann weiterhin so funktionieren wird. Ich eigne mich nämlich nicht zum Guru - und Lust habe ich erst recht keine dazu.


Ich hoffe, ich habe jetzt nicht jedem, der mal überlegt hat, dass *man* eigentlich mal was machen müßte, den Mut genommen habe, sondern welchen gemacht habe.

Es geht, es funktioniert, und es ist es wert.
Also, macht hinne, Jungs!!!



** Leader ist kein schönes Wort. Leiter klingt aber so nach Sportverein, und Führer möchte ich doch eher ungern benutzen. Und Primus-inter-Pares ist zwar schön, aber vielleicht in bißchen kompliziert. Vor allem, wenn man dann das schöne Wort Co-Primi-inter-Pares einführen müßte. (Coprimiinterpari - aber bitte mit Knoblauch, Herr Ober!)

 

 

 
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